DeLiA

Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

DAS SCHOKOLADENMÄDCHEN


Ende des 19. Jahrhunderts in Riga: Die junge Madelaine, eine begabte Konditorin, ist ehrgeizig und gierig auf das Leben. Ein Zuckerbäcker, der überzeugt von ihrem Talent ist, setzt sie als Leiterin seiner florierenden Confiserie ein. Madelaine erweist sich schon bald als seines Vertrauens würdig und erobert mit ihren süßen Kreationen die Stadt im Sturm - und so manches Männerherz. Ihr eigenes aber gehört einem ungarischen Adligen, und der soll eine andere heiraten …

Ein Roman, bei dessen Lektüre die Lust auf eine Praline (oder mehr) unwiderstehlich wird!





LESEPROBE


Im Winde auf- und abschwebend flogen Silbermöven, Vorboten des heimatlichen Kontinents, dem Schiff entgegen. Neugierig umflatterten sie den Bug des deutschen Frachtdampfers Eleonora, der sich unter Führung von Kapitän Hilmar Pilar zügig der europäischen Küste näherte. Doch im Schiffsbauch, ohne Licht, ohne Frischluft, kämpfte die knapp achtzehnjährige Madelaine Elisabeth Gürtler mit jeder Seemeile gegen Seekrankheit und Alpträume.

Wie mochte Alabaster aussehen? Madelaine delirierte seit Tagen. Trotz ihrer Übelkeit stellte sie sich weiße Blüten vor, so blendend weiß wie die in der chilenischen Sonne gleißenden Kristalle des Salpetersalze - die auf Ladebühnen in der Oficina, der verhassten Salpeterfabrik, zu riesigen Kegeln gehäuft wurden. Alabaster, umflort von einer selig machenden Kraft, die Wunden schloss, Schmerzen nahm und Trauer in Frohsinn wandelte. Madelaines Zähne knirschten, sie versuchte zu schlucken. Vage spürte sie den brackigen Lappen, den ihre Mutter ihr unters Kinn legte und fühlte fiebernd die Nässe ihres verklebten Körpers. Doch die Erinnerungen drückten sie wie eine Ertrinkende zurück - in die Trauer um den toten Vater. Madelaines Seele war wund und flatterte wie ein verängstigter Vogel, der sich in einem fremden Haus verirrt hat.

Erst als die Eleonora sich der Küste des portugiesischen Festlands näherte, fiel sie in einen traumlosen Schlaf. (…)

* * * * *

(S. 38 ff) Undeutlich aber nahm sie im Schlaf auch wahr, dass eine Kraft in ihr wuchs, die stärker war als der Schmerz, stärker als die Trauer, stärker als der Tod:

Es war der Hunger, der Appetit auf das Leben.

Als sie am späten Morgen aufwachte, war das Kopfkissen an der Stelle, an der ihr Mund gelegen hatte, nass.

Sie sah zum Fenster hinaus. Zwischen den Blättern der Ulme vor dem Gasthaus blitzten helle S onnenstrahlen. Der Himmel wie vom Sturm blitzblau gewaschen. Wolken, die an dickwollige Schafe erinnerten, zogen gemächlich vorüber. Lange Zeit blieb Madelaine im warmen Federbett liegen. Genoss die Erholung, die der Schlaf und das gute Essen ihr am Vortag geschenkt hatten. Es wäre Sünde, sich jetzt nicht zu freuen, dachte sie.

Später saß sie in der Gaststube mit Urs Martieli am Tisch, bei einer boule de café, Butterwaffeln und crêpes mit Marmelade und Kastaniencreme.

»Wer sind Sie, dass Sie einen Wirt wie einen Diener behandeln können?«

Urs Martieli lachte.

»Alles ist möglich, wenn man die Leute freundlich bittet - und sie belohnen kann! Das ist das ganze Geheimnis.»

»Ich habe betteln müssen, und kaum jemand hat uns je geholfen«, entgegnete Madelaine.

Er wischte ihr über die Stirn.

»Fort! Fort, mit den dunklen Gedanken, Madelaine! Es ist alles vorbei. Jetzt müssen Sie Ihr Leben selbst in die Hand nehmen! Haben Sie etwas gelernt?«

»Nähen, sticken, waschen, Gemüse pflanzen …«, sagte sie.

»Mehr nicht? Keinen Beruf?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Wir waren zu arm. Wir mussten Tage arbeiten, um für wenige Stunden satt zu sein.«

»Das kenne ich alles. Was glauben Sie, warum so viele Schweizer schon Anfang dieses Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert sind? Aber kochen können Sie doch, oder?«

»Kochen, backen, aus Nüssen, Beeren … wir hatten doch kaum etwas.«

Der Wirt kam, sagte etwas zu Martieli und reichte ihm dann ein Blatt Papier, das dieser nach raschem Blick unterschrieb.

»Was hat er gesagt?« fragte Madelaine, nachdem sich der Wirt entfernt hatte.

»Dass ich auf ein so bezauberndes Waisenkind wie dich gut aufpassen soll«, antwortete Martieli schmunzelnd.

Madelaine hob den Zeigefinger und erwiderte selbstbewusst: »Doch nur mit Anstand, mein Herr!«

»Ihre Ehre ist unantastbar für mich und Ihr Heiligtum, mein Fräulein!« entgegnete Martieli.

Madelaine wusste beim besten Willen nicht, ob sie lachen oder misstrauisch sein sollte. Sie hatte doch keine Erfahrung mit Menschen wie diesem Herrn hier, mit Gesprächen wie diesen.

Sie frühstückten weiter. Nach einer Weile entdeckte sie ein mit blauen Buchstaben besticktes Tuch an der Wand.

»Was heißt das dort?« fragte sie.

»Die Poesie ist stärker als die drei stärksten Dinge: das Böse, das Feuer und der Sturm.«

Nachdenklich sah Madelaine ihn an.

»Ist das wahr?«

Martieli erwiderte: »Der Zauber von Schönheit, von Wahrheit und Süße ist immer stärker als: das Böse, das Feuer und der Sturm. Ganz sicher.«

Madelaine schaute zum Fenster hinaus. Dunkel gekleidete Fischer standen an der Kaimauer, betrachteten das Meer, den Himmel, redeten, gestikulierten. Seemöven kreischten über ihren Köpfen, als wollten sie die Fischer anstacheln, doch endlich die Segel zu setzen und die Boote aufs Meer hinauszuführen. Sogar einige Kormorane drehten ihre Runden über dem Hafen.

Und weit draußen im Meer ruhten die Toten. (…)

* * * * *

(S. 79) Sie ergriff die noch warme duftende Trüffel, schnupperte vorsichtig und legte sie zwischen ihre Lippen. Mit einem leisen Seufzer stupste sie die Trüffel in den Mund - und biss langsam hinein. Im Nu explodierten, einem sinnlichen Feuerwerk gleich, köstliche Kakaoaromen in ihrem Mund, durchströmten Gaumen, Zunge, Wangen. Zogen wie ein Gespinst zarter, luxuriöser Goldfäden bis in den Kopf und in die Seele und spannen einen Baldachin angenehmer Gefühle und Gedanken.

Alles, was sie gerade eben noch fest im Blick hatte, verlor an Bedeutung, ja Wichtigkeit. Überwältigt schloss sie für eine Sekunde die Augen und überließ sich nie gekanntem paradiesischem Genuss. Doch wie von ferne hörte sie die mahnende Stimme ihres Vaters. Behalte deinen Verstand! Denk an die Weinprobe!

Also sog sie mit ernster Miene Luft ein, schmatzte, schnalzte.

Kloß und Martieli sahen fasziniert zu, selbst Inessa.

»Also gut«, sagte sie langsam. »Was ich feststelle ist: Die Kuvertüre besteht aus dem Besten, was der Criollo-Kakao hergibt: Manjari-Schokolade, fruchtig, feinherb. Zarter Schmelz. Ein Traum auf der Zunge! Die Trüffel ist leicht, fast luftig. Ich schmecke einen Hauch Zimt, Sahne, Champagner, ein wenig Zucker, doch kein Fett.«

»Exakt! Stimmt! Bravo!« rief Kloß.

»Gut gemacht, Madelaine!« sagte Martieli und nahm sich vom Marmortisch selbst eine Trüffel. »Stimmt vollkommen, dein U
rteil. Probe bestanden.« (…)

* * * * *

(S. 83) Nach dieser Begegnung drehten sich Madelaines Gedanken nur noch um Martieli und das Gaumenerlebnis von Kloß` phantastischer Trüffel. Madelaine stand unter einer süßen Anspannung, die die Arbeit gleichsam in den Hintergrund drängte und sie die Strapazen besser ertragen ließ. Wenn sie morgens aufwachte, hoffte sie, Martieli wieder zu begegnen, um noch einmal diese prickelnde Stimmung zu erleben. Die Sehnsucht, noch einmal seine Nähe zu spüren, ließ ihre Haut empfindsamer werden. Es war, als ob er und die Trüffeln ihre weibliche Seele erweckt hatten. Den Atem der Sinnlichkeit. In Chile, wenn ihr Vater ihr Schokolade gab, tröstete er damit sein kleines Mädchen. Doch jetzt war es so, dass die Schokolade Madelaine an eine Süße erinnerte, die weit über das kindliche Erlebnis hinausreichte: Madelaine spürte Kraft, Energie und Verheißung der Schokolade. Mit einemmal wusste sie, sie würde ihr helfen, über Mutters Satz hinwegzukommen: »Du hast mein Leben zerstört.« Im Moment schien es so, als besiege der Zucker das Salz und damit ihren Schmerz.

Wie gut, dass Kloß nichts von dem ahnte, was sein Erzeugnis bei ihr ausgelöst hatte.

Nur Martieli, da war sie sich sicher, wusste, was in ihr vorging. (…)




Katryn Berlinger


Katryn Berlinger - Das Schokoladenmädchen/Der Kuss des Schokoladenmädchens
Das Schokoladenmädchen/
Der Kuss des
Schokoladenmädchens
Buchgemeinschaft-
Taschenbuch-Paket
DER CLUB RM Buch und
Medien Vertrieb GmbH, Berlin,
Dezember 2010
Best-Nr.: 0118868 9 (1/2)
EAN 978-3-426-62570-5/63989-4

Katryn Berlinger - Das Schokoladenmädchen
Weltbild, März 2008
Taschenbuch
ISBN: 978-3-89897-828-6


Katryn Berlinger - Das Schokoladenmädchen
Knaur Verlag November 2007
Taschenbuch
ISBN: 3-426-63928-3


Katryn Berlinger - Das Schokoladenmädchen
Knaur Verlag November 2005
Taschenbuch
ISBN: 3-426-63318-3


Katryn Berlinger - Das Schokoladenmädchen
Knaur Verlag Juli 2004
Taschenbuch
ISBN: 3-426-62570-9


Katryn Berlinger - Das Schokoladenmädchen
Weltbild 2004
Hardcover (vergriffen)


Originalausgabe: Weltbild 2004
Genre: historischer Liebesroman
Zeit: 19. Jahrhundert (1896 - 1900)
Handlungsort: Chile, Hamburg,
Riga


Zusatzinfo:
»Das Schokoladenmädchen«
gehörte zu den 8 Finalisten des DeLiA-Literaturpreises 2005