Sommer 1885: Lilly arbeitet als
Süßspeisenköchin in Heiligendamm, Deutschlands erstem Seebad, und sie
ist verzweifelt. Zwar hat sie dank eines Kochbuchs mit dem
beziehungsreichen Titel Cuisine d`Amour eine gute Stellung in einem
Luxushotel gefunden. Doch aus Übermut hat sie einen folgenschweren
Fehler begangen, der sie nicht nur ihren Arbeitsplatz kostet, sondern
auch ihre Liebe in Gefahr bringen kann ...
Seit Stunden trieben schwere Regenwolken über das Meer. Von Nordosten wühlte ein kalter Wind die See vor der Küste Heiligendamms auf, jagte schäumende Wellen an den Strand. In ihnen rieben sich Kiesel aneinander, und die Wellen schoben sie raschelnd im immer gleichen Rhythmus auf und ab. Zwischen ihnen schimmerten Mies- und Plattmuscheln, Tang und Krebse. Seemöwen jagten über sie hinweg. Das Tosen des Meres übertönte ihr Geschrei. Kein vertrauter Laut war hier in der sichtgeschützten Bucht unterhalb des Steilufers zu hören, weder das Flattern der Fahnen an der Seebrücke und auf den Dächern der großherzoglichen Sommerresidenzen noch das Stampfen der Turbinen der Ausflugsdampfer, weder Walzerklänge noch Marschmusik.
Alles lag fernab, nur dieser Wall aus legendenumwobenen Steinen, die das Meer einmal vor langer Zeit aufgeschichtet hatte, verband Lilly Alena Babant noch mit ihrem früheren Leben. Sie fror, war erschöpft, ja geradezu benommen vom unaufhörlichen Schlag der Wellen. Ihre blonden Locken flatterten um ihr bleiches Gesicht. Haut und Kleider, so kam es ihr vor, waren längst vom salzigen Seewind mürbe geworden. Hätte es Bernsteine geregnet, sie hätte es kaum mehr bemerkt.
Am frühen Nachmittag war sie hierher geflüchtet, verzweifelt über das, was ihr geschehen war. (...) In ihrem Aufruhr hatte sie Muscheln um sich geschichtet und eine nach der anderen mit einem keilförmigen Kiesel zertrümmert. Irgendwann war ihr bewusst geworden, dass sie den größten Fehler ihres Lebens gemacht hatte. Sie hatte ihr Glück verspielt, ihr Leben zerstört.
Ihr blieb keine Hoffnung, kein Ziel mehr. Am meisten verbitterte es sie, dass sie nie mehr erfahren würde, warum der Mann, der sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr in ihren Träumen begleitete, sie einst zurückgestoßen hatte: Clemens von Rastrow. Jetzt war ihr auch dieses Rätsel gleichgültig.
Es wurde Zeit, dass dieser Tag, der 15. Juli 1885, ein Ende nahm.
(...)
Da spritzte eine Fontäne neben ihr auf. Der Kopf eines weiß-braunen Terriers lugte aus den Wellen, den wachen Blick auf sie gerichtet. (...)
* * * * *
“Was ist denn nun das Wichtigste an einem Dessert ...?”
Sie überlegte nicht lange. “Man sagt, Süßes weckt unseren Appetit ...”
“Saures weckt Appetit, Lilly” unterbrach er sie lächelnd. “Süßes tötet ihn ab.”
“Süßes macht glücklich”, beharrte Lilly.
“Glücklich ...”, wiederholte er, und es klang, als schmecke er dem Klang des Wortes nach. “Erklimme einen Gipfel, fliege über die Erde, singe oder ...” Er brach ab.
“Süßes beschließt ein gutes Essen”, fuhr Lilly rasch fort, “wie ein harmonischer Schlussakkord eine Symphonie. Und wenn das Dessert ganz besonders gut ist ...”
“Ja?”
“Dann klingt es in der Seele weiter wie eine romantische Melodie. (...) Kein Mensch verzichtet freiwillig auf ein Dessert”, erwiderte Lilly leise.
“Willst du denn gar nicht wissen, was ich stattdessen esse?” (...)
“Ich wette, du kommst darauf. Ich bin sicher, begabte Alchemisten wie du haben ein feines Gefühl dafür, was miteinander harmoniert und was nicht. Sicher ist aber eines: Ich werde nie etwas anderes als Dessert essen. Nie! ...”
LESEPROBE
Seit Stunden trieben schwere Regenwolken über das Meer. Von Nordosten wühlte ein kalter Wind die See vor der Küste Heiligendamms auf, jagte schäumende Wellen an den Strand. In ihnen rieben sich Kiesel aneinander, und die Wellen schoben sie raschelnd im immer gleichen Rhythmus auf und ab. Zwischen ihnen schimmerten Mies- und Plattmuscheln, Tang und Krebse. Seemöwen jagten über sie hinweg. Das Tosen des Meres übertönte ihr Geschrei. Kein vertrauter Laut war hier in der sichtgeschützten Bucht unterhalb des Steilufers zu hören, weder das Flattern der Fahnen an der Seebrücke und auf den Dächern der großherzoglichen Sommerresidenzen noch das Stampfen der Turbinen der Ausflugsdampfer, weder Walzerklänge noch Marschmusik.
Alles lag fernab, nur dieser Wall aus legendenumwobenen Steinen, die das Meer einmal vor langer Zeit aufgeschichtet hatte, verband Lilly Alena Babant noch mit ihrem früheren Leben. Sie fror, war erschöpft, ja geradezu benommen vom unaufhörlichen Schlag der Wellen. Ihre blonden Locken flatterten um ihr bleiches Gesicht. Haut und Kleider, so kam es ihr vor, waren längst vom salzigen Seewind mürbe geworden. Hätte es Bernsteine geregnet, sie hätte es kaum mehr bemerkt.
Am frühen Nachmittag war sie hierher geflüchtet, verzweifelt über das, was ihr geschehen war. (...) In ihrem Aufruhr hatte sie Muscheln um sich geschichtet und eine nach der anderen mit einem keilförmigen Kiesel zertrümmert. Irgendwann war ihr bewusst geworden, dass sie den größten Fehler ihres Lebens gemacht hatte. Sie hatte ihr Glück verspielt, ihr Leben zerstört.
Ihr blieb keine Hoffnung, kein Ziel mehr. Am meisten verbitterte es sie, dass sie nie mehr erfahren würde, warum der Mann, der sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr in ihren Träumen begleitete, sie einst zurückgestoßen hatte: Clemens von Rastrow. Jetzt war ihr auch dieses Rätsel gleichgültig.
Es wurde Zeit, dass dieser Tag, der 15. Juli 1885, ein Ende nahm.
(...)
Da spritzte eine Fontäne neben ihr auf. Der Kopf eines weiß-braunen Terriers lugte aus den Wellen, den wachen Blick auf sie gerichtet. (...)
* * * * *
“Was ist denn nun das Wichtigste an einem Dessert ...?”
Sie überlegte nicht lange. “Man sagt, Süßes weckt unseren Appetit ...”
“Saures weckt Appetit, Lilly” unterbrach er sie lächelnd. “Süßes tötet ihn ab.”
“Süßes macht glücklich”, beharrte Lilly.
“Glücklich ...”, wiederholte er, und es klang, als schmecke er dem Klang des Wortes nach. “Erklimme einen Gipfel, fliege über die Erde, singe oder ...” Er brach ab.
“Süßes beschließt ein gutes Essen”, fuhr Lilly rasch fort, “wie ein harmonischer Schlussakkord eine Symphonie. Und wenn das Dessert ganz besonders gut ist ...”
“Ja?”
“Dann klingt es in der Seele weiter wie eine romantische Melodie. (...) Kein Mensch verzichtet freiwillig auf ein Dessert”, erwiderte Lilly leise.
“Willst du denn gar nicht wissen, was ich stattdessen esse?” (...)
“Ich wette, du kommst darauf. Ich bin sicher, begabte Alchemisten wie du haben ein feines Gefühl dafür, was miteinander harmoniert und was nicht. Sicher ist aber eines: Ich werde nie etwas anderes als Dessert essen. Nie! ...”


