Mal ehrlich: Können Sie Schokolade widerstehen?
LESEPROBE
Bernhard
Ulrich von Terenzin ging ihr nicht aus dem
Kopf. Wieder und wieder hatte sie die Bilder des Abends vor ihrem
inneren Auge
Revue passieren lassen, jedes Wort, jeden Satz unzählige Male für sich
wiederholt - und dabei so viele köstliche Pralinés gegessen wie noch
nie zuvor
in ihrem Leben: solche mit Krokantsplitter, Pistazien, Marzipan, Mocca
und
Mandelcreme. Und jetzt? Jetzt rückten die Zeiger der Uhr auf
Mitternacht vor, und
sie konnte immer noch nicht einschlafen - weil Terenzin in ihrem Kopf
rotierte
wie die Granitwalzen einer mélangeur. Er zermahlte ihre Gedanken, ihren
Widerstand, ihre Moral, als seien es Kakaobrocken und Zuckerkristalle.
Sie hatte
sich von dieser hemmungslosen Schlemmerei
erhofft, die Süße der Schokolade könne den Aufruhr in ihr einschmelzen,
umhüllen und sie weniger leiden lassen. Das aber war nicht der Fall. Im
Gegenteil. Der Genuss der Schokolade hatte ihre Sehnsucht nach Terenzin
nur
noch weiter angeheizt. Sie hatte ihr eine Kraft geschenkt, die warm war
und
konzentriert, so dass es Madelaine vorkam, als sei sie eine pralle
Kugel, die
nur eines Blickes von ihm gebraucht hätte, um ins Rollen zu kommen. Er
hätte
sie lenken können, überallhin, schneller und schneller. ...
* * * * *
... Noch
immer war die ganze Küche mit Schokoladenduft
erfüllt. Madelaine trat an die Abtropfgitter heran. Mit einer kleinen
Silberzange pflückte sie eine Praline Liebeslust und eine Praline
Liebesleid
aus den Reihen und setzte sie behutsam auf ihre linke Handfläche. Ganz
so, als
seien sie Marienkäfer, die das Glück, oder als seien sie Märchenfrösche
im
Pralinégewand, die die Liebe versprachen.
Madelaine
betrachtete sie zufrieden und von
schwindeligem Stolz erfüllt. Niemand würde je erfahren, dass die feste,
dunkel
glänzende Kuvertüre mehr als nur Aromen und Pariser Creme barg, sondern
ihr
ganz persönliches Geheimnis. Madelaine lächelte ihnen zu, als seien es
tatsächlich schokoladige Geschöpfe, die ihr in ihrem stillen Reiz
versprachen,
zu schweigen.
Sie schob
ihren Kopf vor und küsste erst das eine, dann
das andere. Erst berührten ihre Lippen sie kurz, dann länger, bis die
Kuvertüre
schmolz, ihrer Zungenspitze Einlass gewährte zu ihrem Innersten.
Madelaine
labte sich abwechselnd an ihren Aromen, champagnerselig, liebestrunken,
verzehrt von bitterer Sehnsucht.
Es
schmeckte wie das Leben, wie die Liebe. Aber auch wie
der Trost.
Le baiser
de la chocolatière. Der Kuss des
Schokoladenmädchens. Dies war ihre Stunde. ...
* * * * *
... Er
machte eine Pause. "Was wirst du tun, wenn
dein Vater in Hamburg ist? Willst du mich allein lassen? Ist jetzt die
Stunde
gekommen?"
"Andersherum
gefragt:
Willst
du mich allein lassen?
Bernhard ..."
András hob
die Augenbrauen. "Bernhard? Was hat er
gesagt?"
"Willst du
es wirklich wissen?"
"Ja." Er
stand auf.
"Nein,
András. Es ist unwichtig."
Er packte
sie an den Schultern. "Ich will es
wissen, Madelaine!"
"Ich will
mit dir leben! Ich will, dass du bei mir bleibst!"
Sie schrie nun.
"Liebt er
dich?"
"Du musst
mich lieben, András! Du! Und du tust es
nicht, wenn dir noch immer dein Vater, dieses ganze Gerede um Erbe und
Vermögen
so wichtig ist. Du musst dich entscheiden."
"Ist das
dein letztes Wort?"
"Ja, zähle
du die Wochen."
András sah
ihr ernst in die Augen. "Bernhard ist,
wie du weißt, Diplomat. Er wird in diesem Jahr vierunddreißig Jahre
alt, viel
zu alt, um länger unverheiratet zu sein. Er wird sich über kurz oder
lang
verheiraten müssen, um im diplomatischen Dienst weiter aufsteigen zu
können."
"Das wird
er nie!", brach es aus ihr heraus.
"Warum?
Was willst du mir damit sagen?"
"Weil er
..."
"Das hat
er dir gesagt?" András wurde bleich.
"Ich fasse es nicht ... Das ist doch verrückt!"
"Du irrst
dich. Er liebt nicht mich."
"Ach,
Madelaine. Du verstehst uns Männer wirklich
nicht. ... Er tarnt sich mit seinem Schmerz, um mal hier, mal dort die
bittere
Süße anderer Lieben auszukosten. Er will bemitleidet werden. Das ist
alles."





