Amélie, die schöne Tochter einer
Champagnerdynastie, kennt nur ein Ziel: Sie will das bedrohte Erbe
ihrer Eltern retten. Für dieses Ziel entsagt sie sogar ihrer
Jugendliebe und geht eine Zwangsehe mit einem ältlichen Advokaten aus
Reims ein.
Bald hat Amélie allein Macht über das traditionsreiche Haus Duharnais. Sie reist nach St. Petersburg, wo sie ihre Champagnermarke berühmt machen will, und trifft dort auf einen Fürsten, der sie unwiderstehlich anzieht.
Doch auf ihm lastet ein düsteres Geheimnis …
Die Abendsonne überschwemmte die Weinberge der Champagne mit strahlend kupfergoldenem Licht. Sanft wellten sich Hügel aneinander, deren grüne Kordelreihen bis zum Horizont ein eintöniges, doch gleichzeitig friedvolles Muster bildeten. Amélie Suzanne Duharnais rief sich ins Bewusstsein, welch Reichtum gerade in dem Unscheinbaren der Landschaft ruhte, doch schien es ihr, als wollte es ihr gerade heute nicht recht gelingen, über diesen Gedanken froh zu werden.
Die Flügel der alten Windmühle von Verzenay, zu der Amélie hinüber schaute, standen still. Prüfend folgte ihr Blick den wenigen Frauen und Männern, die an diesem letzten Tag der Weinlese des Jahres 1896 die Rebstöcke noch einmal gewissenhaft nach übergangenen Trauben durchsuchten. Ein Eselkarren harrte ihrer auf der schmalen Landstraße, die Verzenay und Verzy miteinander verband. Ob der Pächter aus Mailly-Champagne bereits seinen Anteil pünktlich geliefert hatte? Ohne dass, wie im letzten Jahr, wieder Beeren aufgeplatzt und kostbarer Rebsaft verloren gegangen waren? Großvater Jérôme würde ihn mit der Axt spalten wie einen Holzscheit. Jede Beere war wertvoll, beinahe so wertvoll wie das eigene Blut.
Amélie sog die kühler werdende Abendluft ein. Sie bildete sich ein, Pilze unter feuchtkaltem Laub, Trüffeln, frisch geschlagenes Eichenholz zu riechen und glaubte, den üppigen, erdigen Geschmack eines tiefroten Burgunders zu schmecken. Warum ließ sie nicht den Dunst der Reben, das süßfruchtige Aroma ihrer kostbaren Chardonnaytrauben zu? Sie schloss kurz die Augen vor der Kraft einer Septembersonne, die ihr zu befehlen schien, sich an das Geschehen der letzten Nacht zu erinnern. Césare hatte sie geküsst, Césare, der junge Lesehelfer aus Burgund. Gestern Nacht waren sie nach dem gemeinschaftlichen Abendessen und ausgelassenen Tänzen über den Rand der Duharnais’schen Weinberge hinausgewandert, in die schrankenlose Dunkelheit des Waldes des Montagne de Reims.
Beinahe schien es Amélie, als ob sie sich vor dem starr hinüberschauenden Antlitz der alten Windmühle von Verzenay schämen müsste. Schließlich war diese das Wahrzeichen ihrer Heimat - und sie, Amélie Suzanne Duharnais, Tochter eines kleinen, doch angesehenen Champagnerhauses, das 1802 gegründet und seitdem mit unermüdlichem Fleiß erhalten wurde. Das Winzergewerbe gleicht einem Vabanquespiel, es gibt Jahre des Überflusses, des Mangels. Verbitterung und Hoffnung wechseln einander ab wie Sonne und Mond. Wie oft hatte sie schon erlebt, mit welcher Wut ihr Großvater die Faust gen Himmel gereckt und Frost im Mai, Hagelschauer im Sommer und Dauerregen im Herbst verflucht hatte.
Césare, das wusste sie, kümmerte das alles nicht mehr. Weil er aus dem berühmten Burgund kam. Denn seine Familie hatte ihren Besitz verloren. Amélie wusste, warum.
Sie legte die Hand über ihre Augen, um zu schauen, ob sie ihn inmitten der langsam fortstrebenden Lesehelfer erkennen könnte. Doch statt seiner stieg schwerfällig ein leicht gebeugter Mann mit breiten Schultern und beinahe quadratischem Kopf unter einem flachen Hut den Hang zu ihr hinauf.
»Amélie!« rief er. »Sie lügen alle!« Wieder hörte Amélie in der Erinnerung Cesáre erzählen, wie es zu dem Untergang seiner Familie gekommen war. »Amélie! Eine gute Ernte!«
Amélie durchzog ein Gefühl bitterer Ohnmacht, weil sie wusste, dass ihr Großvater log. Die Ernte war mittelmäßig, die Trauben schwächer ausgebildet als in den Jahren zuvor. Er ist halsstarrig und unbelehrbar, dachte sie bekümmert. Jetzt war Jérôme Patrique Duharnais war auf gut dreißig Schritte herangekommen und blieb stehen, um Luft zu holen. Er breitete die Arme aus, berührte mit jeder Hand eine Rebreihe. »Der Sommerschnitt hat den Trauben gut getan! Fabien, deinem heißblütigen Bruder habe ich immer wieder eingeschärft: Je weniger Reben am Rebstock hängen, desto besser ist ihre Qualität. Nichts wird uns daran hindern, weiterzumachen wie bisher. Auch wenn ich daran zweifele, dass dieser faule Lump ohne Prügel behält, was man ihm sagt.«
Jérôme Duharnais keuchte und begann zu husten. Er sah aus wie ein überalteter verwachsener Rebstock, den man seit Jahren übersehen hatte zurückzuschneiden. Amélie wusste, dass der Sommerschnitt nur ein selbstbetrügerischer Versuch gewesen war, zu retten, was nicht zu leugnen war: Die Reben hatten in diesem Jahr weniger und kleinere Trauben hervorgebracht.
Sie erhob sich und strich sich über den Hals, die Berührung ihrer Hände löste das beklemmende Gefühl, das ihr den Atem beschwerte. Schweigend betrachtete sie ihren Großvater, der nun in ein Taschentuch spuckte. Sie ging ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen, doch als sie an ihn herangetreten war, packte er in einer ungestümen Bewegung ihre Handgelenke und legte ihre Hände auf seine Brust.
»Sag: Was fühlst du? Sag die Wahrheit, Amélie! Die Rebstöcke hier, rechts und links, sind so alt wie du: siebzehn Jahre. Ich habe sie im Jahr deiner Geburt 1879 eigenhändig gepflanzt. Sie sind Zeugen deiner Antwort.«
»Lass dir die Freude über die Ernte nicht verderben«, wich Amélie aus. Doch er schüttelte ärgerlich seinen Kopf und warf einen kurzen Blick gen Himmel.
»Du sollst mich nicht auch noch belügen, Kind. Nicht du.«
Herausfordernd schaute er ihr ins Gesicht.
»Nun, sag schon: Was fühlen deine Hände?«
Einen Moment zögerte Amélie, ihm mitzuteilen, was ihre Hände, die noch immer auf seiner Brust lagen, lasen. Es fiel ihr ebenso schwer, wie Minuten zuvor die Erinnerung an Césare zu verdrängen.
»Es fühlt sich an, als ob mich …«, sie schaute unwillkürlich in Richtung des Waldes, »… als ob mich die Stacheln der Kastanien stächen.«
Seine kräftigen Augenbrauen hoben sich überrascht - war es wegen ihrer Formulierung, war es, weil sie ausgesprochen hatte, was er längst schon wusste? Amélie bemerkte nur, dass sein Herz etwas schneller schlug. Einen kurzen Moment lang legte sich eine leichte Röte auf sein wettergegerbtes Gesicht.
»Du meinst also, ich bin dem Tode geweiht«, murmelte er. »So wie diese Rebstöcke …«
Ächzend stützte er sich auf ihre Schulter. Amélie schwieg. Wieder kam ihr Césare in den Sinn. Sie wäre am liebsten zu ihm, in die fröhliche Welt des Verliebtseins, des Tanzes geflüchtet, in seine Arme, die ihr die Kraft seines lebenslustigen Körpers fühlen ließen.
Jérôme Duharnais hustete wieder. Dann, plötzlich, sagte er: »Berühr sie! Fass sie an, die Reben! Sag, sie sind gesund! Sag, alles, was die anderen behaupten, ist Lüge. Nichts als Lüge.« Er stampfte mit einem Fuß auf, beschrieb einen Halbkreis. »Es ist mein Boden, hörst du, Amélie? Dein Vater ist ein noch größerer Dummkopf als dein Bruder. Er glaubt wie alle diese Hornochsen und Vaterlandsverräter diesem Abbé, diesem …«
»… Abbé Dervin, Großvater«, beendete Amélie leise seinen Satz.
»Du weißt davon?« Er schüttelte sie heftig. »Du?«
»Die Reblaus hat bereits fast das ganze Burgund vernichtet, Großvater«, flüsterte sie und senkte errötend ihren Kopf. »Man sagt, sie wird bald die Marne überspringen.«
»Dieser Pfaffe lügt!« schrie Jérôme Duharnais. »Wir werden unsere Rebstöcke nicht herausreißen, als wären es Brennnessel! Wir werden sie nicht verbrennen wie die heilige Jungfrau von Orléans! Ich werde es nicht zulassen, meine Weinberge aufs Schaffott zu führen, um vor den Teufeln einen Kniefall zu machen, die uns dieses verfluchte Ungeziefer in den Pelz gesetzt haben!«
Er bebte vor Wut. (…)
* * * * *
(S. 51f) Wie in den meisten anderen Jahren setzte nun, Anfang Oktober, die Regenzeit ein. Von heftigen Sturmböen aufgepeitscht verdunkelte die kalte Nässe das Licht des Tages, erschwerte Menschen und Tieren gleichermaßen den Gang ins Freie. In den Nächten heulte es im Kamin, klapperten die hölzernen Fensterläden, knarrten Äste, rauschten die Kronen der Hofkastanien. Und doch war Eile geboten. Während in den Weinbergen vorübergehend die Arbeit ruhte, mussten die Fässer mit dem geklärten roten Traubensaft geleert und der Most zum Gären in andere Fässer umgefüllt werden.
Eines frühen Morgens brach der Alte sein Frühstück ab, als der Händler aus Reims mit mehreren hundert Reblaus resistenten Unterlagsreben eintraf. Sofort schickte er Fabien in jene Parzellen, in denen die Reblaus bereits die Wurzelstöcke befallen hatte, um diese zu entfernen. Gut ein Dutzend Lesearbeiter konnten sich über den verlängerten Arbeitseinsatz freuen, denn es galt nun alte Wurzelstöcke aus den Kalkböden der Champagne zu graben, die Erde zu belüften und mit kräftigen Humusgaben anzureichern. Trotz des Regens fuhr Amélie mit Fabien und den Hilfskräften nach Verzy, um die dort vom Alten markierten Rebstöcke aus der Erde zu reißen. Nur langsam wich die Wut über das ihr aufgezwungene Schicksal der Genugtuung, dass sie es war, die diese Aktion letztendlich durchgesetzt hatte.
In Wahrheit litt Amélie, fühlte sich vom Schicksal grausam verhöhnt. Wieder verhielt sich Fabien wie ein Teufel, indem er ihr gegenüber ein paar Mal in spöttischem Ton bemerkte, dass ihr zukünftiger Ehemann, der Witwer und Advokat Christian Henri Papillon, ihrem Großvater doch tatsächlich nur um sieben Jahre an Jugend voraus sei. Allerdings seien die beiden Alten einander enger verbunden, als sie es als Geschwister seien, obwohl bei ihnen ja nur drei Jahre dazwischen lägen - mit derartigen Bemerkungen gelang es Fabien, Amélies seelischen und physischen Widerstand zu untergraben, was zur Folge hatte, dass sie eines Tages in ein heftiges Fieber fiel.
Während sie im Bett lag, mit den Zähnen klapperte und schwitzte, kam es ihr vor, als läge sie mit zermartertem Leib in einem Sarg, der sich nicht über ihr schließen wollte. Ständig schwankte sie zwischen Erbrechen und delirierenden Anfällen. Als das Fieber sie endlich nach einer Woche verließ, waren ihre Wangen schmal geworden, ihre Schultern spitz und wenn sie sich im Spiegel betrachtete, scheute sie vor dem Anblick ihrer mager gewordenen Schenkel zurück, die ihre verführerische Rundung verloren hatten. Stattdessen konnte sie durch den Spalt, der sich zwischen ihnen gebildet hatte, ein Stück Dielenboden und einen Streifen Tapete sehen. Deutlicher, fand Amélie, konnte ihre Auflösung nicht sein.
* * * * *
(S. 93ff) In der Nacht, als Christian Henri Papillon neben ihr lag und klagte, ein Hexenschuss vom frühen Morgen könnte es ihm unmöglich machen, die Stellung einzunehmen, die einem Mann gebühre, schlug Amélie das Plumeau zurück, erleichtert darüber, dass sie von dem verschont blieb, vor dem sie sich so fürchtete.
Sie erhob sich vom weichen Doppelbett, das ein Baldachin aus dunkelblauem Damast mit Seidenkordeln und handgestickten Chinoiserien bewölkte und öffnete eine Flasche Champagner. Der alte Papillon rollte sich auf den Rücken, stopfte sich die Kissen in den Nacken und beobachtete sie. Amélie trank ihren Champagner allein. Sie löste ihr langes Haar, zog die Fenstervorhänge zurück und genoss jene Chardonnay- und Pinot Noir-Trauben, die Großvater und Vater vor Jahren zu diesem köstlichen Getränk hatten heranreifen lassen.
Der Champagner duftete blumig, war frisch und süffig.
Sie betrachtete den zunehmenden Mond. Kugelige Wolken zogen, einer Schafherde gleich, an ihm vorüber. Sterne glänzten wie die Perlen in ihrem Champagner. Sie füllte ihr Glas nach, dachte an Césare und die Stunden mit ihm im Wald, als er ihr Tropfen seines Burgunders vom Busen geküsst hatte. Endlich setzte sie das Glas an die Lippen und versuchte zu verdrängen, dass Papillon ihr zusah, nach ihrer Liebe dürstete.
Fledermäuse flatterten in zackigen Bahnen durch die Nacht. Aus einem nahegelegenen Lokal ertönte Gesang und Akkordeonspiel. Irgendwo heulte ein Hund.
Amélie spürte, dass sie zu schwitzen begann. Papillon hatte das Hauspersonal angewiesen, frühzeitig zu heizen und die Öfen waren bis spät in den Abend mit Holz und Kohle gefüttert worden. Jetzt war die Luft warm und trocken.
Es raschelte hinter ihr. Papillon war aufgestanden und näherte sich ihr. Sie drehte sich erschrocken um. Er lächelte. Noch immer waren die Falten seines langen Nachthemdes ungeknickt. Der hohe Rüschenkragen bedeckte ein wenig sein Kinn, was ihm einen weihevollen Ausdruck verlieh. Und so wirkte er keusch und züchtig. Nur seine Altherrenhände flößten ihr Angst ein. Was, schoss es ihr durch den Kopf, würden sie mit ihrem Körper machen? Was würden sie von ihr fordern?
Papillon beugte sich ein wenig vor und küsste sie auf die Wange. Er roch nach Seife und Eau de Cologne. Dann füllte er ihr leeres Glas nach. »Trink nur, trink«, murmelte er kaum vernehmlich, nahm ihr jedoch kurz darauf das Glas aus der Hand. »Vielleicht sollte ich mir auch einen Schluck gönnen«, setzte er ein wenig unsicher hinzu.
Sie hielt das frisch aufgefüllte Glas gegen das Mondlicht, fast so, als ob sie ihn necken, im Geheimen jedoch Césare in der Ferne zuprosten wollte. Doch als Papillon nach dem Glas griff, schrie er leise auf und taumelte mit den Händen auf dem Rücken, auf das weiche Bett zurück. »Komm zu mir, Amélie«, bat er. »Sei so gut und massiere mir den Rücken.«
Sie setzte sich auf die Bettkante, presste, knetete, kreiste und strich über seinen Rücken. Sie durchschaute sein Spiel: Er war zwar alt und etwas steif, doch gesund. Sie spürte, wie sich kleine Verspannungen lösten, dann wandte sie sich der Stelle zu, von dem er vorgab, sie würde schmerzen, bis Papillon wohlig zu brummen begann. Es war seltsam, doch in diesem über sechzig Jahre alten Körper glomm eine fest zurückgehaltene Lust auf das Leben, die sie ihm nie zugetraut hätte. Und plötzlich überfiel sie wieder die Angst vor dem, was er von ihr fordern würde.
* * * * *
(287ff) Plötzlich war es still.
Amélie öffnete die Augen.
Sie war allein.
Sogar die Tschernyschewa war verschwunden. Selbst die Geiger. Nur der Pianist saß einsam am Flügel, die Hände im Schoß, seinen Kopf gesenkt. Vom hinteren Ende des Saales löste sich nun eine dunkle Gestalt aus dem Schatten der russischen Fahne, kam auf sie zu.
Fürst Baranowskij.
Vor Schreck schrie Amélie leise auf. Er hob die Hand. Der Pianist eilte davon.
Amélie klopfte das Herz bis zum Hals, als er sagte: »Mademoiselle Duharnais? Ich freue mich, Sie kennen lernen zu dürfen.«
Er verbeugte sich, küsste ihr Hand. Sie schaute auf seinen schön geformten Kopf, die breiten Schultern. Dann richtete er sich auf. Im Frack war er noch anziehender als bei ihrer letzten Begegnung, als er Mantel und Zylinder trug. Und plötzlich hatte Amélie große Angst, er könnte es ihr übel nehmen, dass sie ihn als Vorbild für ihre Etiketten genommen hatte.
Hoffentlich glaubt er nicht, ich sei ein besonders raffiniertes Luder, dachte sie, hätte nur vorgetäuscht, in ihn verliebt zu sein. Wenn ich dich doch nur halten könnte, flehte sie ihm in Gedanken zu. Vergib mir. Und geh bitte nicht fort.
»Ich … ich werde bald abreisen, Monsieur, diese, meine Reklameidee ist meine letzte hier in Piter«, stammelte sie verwirrt. Er hob die Augenbrauen, musterte sie ernst.
»Durchlaucht, Mademoiselle, man sagt Durchlaucht. Ich bin Fürst Alexander Baranowskij.«
Sie merkte, wie sie rot anlief. Sie hatte auch noch die falsche Anrede getroffen.
»Verzeihen Sie, Durchlaucht. Ich fürchte, ich bin vom vielen Tanzen ein wenig durcheinander. Ich sollte gehen, Madame Tschernyschew erwartet mich. Das Essen …«
Sie wandte sich von ihm ab und ging. Kurz bevor sie die Mitte des Saales überschritten hatte, fiel ihr etwas vor die Füße, rollte hin und her und blieb liegen. Es war ihr Champagnerkorken. Sie drehte sich nach dem Fürsten um. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie der Pianist auf Zehenspitzen an der Fensterfront vorbeihastete, um wieder seinen Platz am Flügel einzunehmen.
Fürst Baranowskij kam langsam auf sie zu: »Wer sind Sie, Mademoiselle, dass Sie Ihren Ruf für dieses Produkt hier«, er zeigte auf den Korken, »aufs Spiel setzen?«
»Ich bin …«, setzte Amélie erschrocken an, doch er unterbrach leise: »La Belle Amézou, ich weiß.«
Verachte mich nicht, schrie es in ihr. Sie riss ihren ganzen Mut zusammen und sagte: »Dieser Name gleicht dem Schaum des Champagners. Er knistert, bläht sich auf, brodelt über den Rand des Glases …«
Der Fürst hob die Augenbrauen. »… brodelt über …«, wiederholte er tadelnd und Amélie beeilte sich hinzuzufügen: »Und doch sind es nur Kohlensäurebläschen …«
»Soll ich glauben, dass das, was La Belle Amézou tut, nichts anderes ist als Schaumschlägerei? Wenn man Ihrem Ruf Glauben schenken würde, hinterlässt der Schaum nicht Champagnertropfen, sondern brennenden Durst. Die Herren scheinen geradezu süchtig nach Ihnen zu sein.«
»Ich verstehe Sie gut. Sie halten mich für frivol, Durchlaucht. Doch warum sind Sie dann dieser Einladung gefolgt?«
»Mich interessiert das Spiel nicht. Um ehrlich zu sein, verabscheue ich Spiele aller Art.« Er schwieg einen Moment. »Es ist das vierte Mal, das wir uns begegnen, nicht? Das erste Mal sahen wir uns an der Alexandersäule. Das zweite Mal beschossen Sie mich mit Ihrem Champagnerkorken, das dritte Mal trafen wir uns vor dem Schloss Monplaisir. Und heute, heute möchte ich herausfinden, wer Sie wirklich sind, Mademoiselle - oder ob alles nur Zufall ist.«
»Durchlaucht?«
»Ja, Mademoiselle?«
»Versprechen Sie mir, dass Sie La Belle Amézou vergessen, wenn Sie erfahren, wer ich wirklich bin?«
Ihre Blicke verschmolzen ineinander. Amélie spürte, dass sie ihn faszinierte, er sich danach sehnte, sie so zu sehen, wie sie war.
»Nein«, antwortete er zärtlich. «Nein, das verspreche ich Ihnen nicht. Ganz gleich, was Sie heute von sich preisgeben. Sie haben sehr viel für Ihren Geschäftssinn aufs Spiel gesetzt. Ich verspreche Ihnen, auch ich bin bereit, ein Wagnis einzugehen. Ich kann sehr hartnäckig, doch auch großzügig sein." Auf seinen Wink hin setzte das Vorspiel zu einem langsamen Walzer ein. »Darf ich um diesen Tanz bitten, Mademoiselle?« fragte er leise.
Und mit einem Mal erkannte Amélie das süße Flehen in seinem Blick.
Bald hat Amélie allein Macht über das traditionsreiche Haus Duharnais. Sie reist nach St. Petersburg, wo sie ihre Champagnermarke berühmt machen will, und trifft dort auf einen Fürsten, der sie unwiderstehlich anzieht.
Doch auf ihm lastet ein düsteres Geheimnis …
LESEPROBE
Die Abendsonne überschwemmte die Weinberge der Champagne mit strahlend kupfergoldenem Licht. Sanft wellten sich Hügel aneinander, deren grüne Kordelreihen bis zum Horizont ein eintöniges, doch gleichzeitig friedvolles Muster bildeten. Amélie Suzanne Duharnais rief sich ins Bewusstsein, welch Reichtum gerade in dem Unscheinbaren der Landschaft ruhte, doch schien es ihr, als wollte es ihr gerade heute nicht recht gelingen, über diesen Gedanken froh zu werden.
Die Flügel der alten Windmühle von Verzenay, zu der Amélie hinüber schaute, standen still. Prüfend folgte ihr Blick den wenigen Frauen und Männern, die an diesem letzten Tag der Weinlese des Jahres 1896 die Rebstöcke noch einmal gewissenhaft nach übergangenen Trauben durchsuchten. Ein Eselkarren harrte ihrer auf der schmalen Landstraße, die Verzenay und Verzy miteinander verband. Ob der Pächter aus Mailly-Champagne bereits seinen Anteil pünktlich geliefert hatte? Ohne dass, wie im letzten Jahr, wieder Beeren aufgeplatzt und kostbarer Rebsaft verloren gegangen waren? Großvater Jérôme würde ihn mit der Axt spalten wie einen Holzscheit. Jede Beere war wertvoll, beinahe so wertvoll wie das eigene Blut.
Amélie sog die kühler werdende Abendluft ein. Sie bildete sich ein, Pilze unter feuchtkaltem Laub, Trüffeln, frisch geschlagenes Eichenholz zu riechen und glaubte, den üppigen, erdigen Geschmack eines tiefroten Burgunders zu schmecken. Warum ließ sie nicht den Dunst der Reben, das süßfruchtige Aroma ihrer kostbaren Chardonnaytrauben zu? Sie schloss kurz die Augen vor der Kraft einer Septembersonne, die ihr zu befehlen schien, sich an das Geschehen der letzten Nacht zu erinnern. Césare hatte sie geküsst, Césare, der junge Lesehelfer aus Burgund. Gestern Nacht waren sie nach dem gemeinschaftlichen Abendessen und ausgelassenen Tänzen über den Rand der Duharnais’schen Weinberge hinausgewandert, in die schrankenlose Dunkelheit des Waldes des Montagne de Reims.
Beinahe schien es Amélie, als ob sie sich vor dem starr hinüberschauenden Antlitz der alten Windmühle von Verzenay schämen müsste. Schließlich war diese das Wahrzeichen ihrer Heimat - und sie, Amélie Suzanne Duharnais, Tochter eines kleinen, doch angesehenen Champagnerhauses, das 1802 gegründet und seitdem mit unermüdlichem Fleiß erhalten wurde. Das Winzergewerbe gleicht einem Vabanquespiel, es gibt Jahre des Überflusses, des Mangels. Verbitterung und Hoffnung wechseln einander ab wie Sonne und Mond. Wie oft hatte sie schon erlebt, mit welcher Wut ihr Großvater die Faust gen Himmel gereckt und Frost im Mai, Hagelschauer im Sommer und Dauerregen im Herbst verflucht hatte.
Césare, das wusste sie, kümmerte das alles nicht mehr. Weil er aus dem berühmten Burgund kam. Denn seine Familie hatte ihren Besitz verloren. Amélie wusste, warum.
Sie legte die Hand über ihre Augen, um zu schauen, ob sie ihn inmitten der langsam fortstrebenden Lesehelfer erkennen könnte. Doch statt seiner stieg schwerfällig ein leicht gebeugter Mann mit breiten Schultern und beinahe quadratischem Kopf unter einem flachen Hut den Hang zu ihr hinauf.
»Amélie!« rief er. »Sie lügen alle!« Wieder hörte Amélie in der Erinnerung Cesáre erzählen, wie es zu dem Untergang seiner Familie gekommen war. »Amélie! Eine gute Ernte!«
Amélie durchzog ein Gefühl bitterer Ohnmacht, weil sie wusste, dass ihr Großvater log. Die Ernte war mittelmäßig, die Trauben schwächer ausgebildet als in den Jahren zuvor. Er ist halsstarrig und unbelehrbar, dachte sie bekümmert. Jetzt war Jérôme Patrique Duharnais war auf gut dreißig Schritte herangekommen und blieb stehen, um Luft zu holen. Er breitete die Arme aus, berührte mit jeder Hand eine Rebreihe. »Der Sommerschnitt hat den Trauben gut getan! Fabien, deinem heißblütigen Bruder habe ich immer wieder eingeschärft: Je weniger Reben am Rebstock hängen, desto besser ist ihre Qualität. Nichts wird uns daran hindern, weiterzumachen wie bisher. Auch wenn ich daran zweifele, dass dieser faule Lump ohne Prügel behält, was man ihm sagt.«
Jérôme Duharnais keuchte und begann zu husten. Er sah aus wie ein überalteter verwachsener Rebstock, den man seit Jahren übersehen hatte zurückzuschneiden. Amélie wusste, dass der Sommerschnitt nur ein selbstbetrügerischer Versuch gewesen war, zu retten, was nicht zu leugnen war: Die Reben hatten in diesem Jahr weniger und kleinere Trauben hervorgebracht.
Sie erhob sich und strich sich über den Hals, die Berührung ihrer Hände löste das beklemmende Gefühl, das ihr den Atem beschwerte. Schweigend betrachtete sie ihren Großvater, der nun in ein Taschentuch spuckte. Sie ging ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen, doch als sie an ihn herangetreten war, packte er in einer ungestümen Bewegung ihre Handgelenke und legte ihre Hände auf seine Brust.
»Sag: Was fühlst du? Sag die Wahrheit, Amélie! Die Rebstöcke hier, rechts und links, sind so alt wie du: siebzehn Jahre. Ich habe sie im Jahr deiner Geburt 1879 eigenhändig gepflanzt. Sie sind Zeugen deiner Antwort.«
»Lass dir die Freude über die Ernte nicht verderben«, wich Amélie aus. Doch er schüttelte ärgerlich seinen Kopf und warf einen kurzen Blick gen Himmel.
»Du sollst mich nicht auch noch belügen, Kind. Nicht du.«
Herausfordernd schaute er ihr ins Gesicht.
»Nun, sag schon: Was fühlen deine Hände?«
Einen Moment zögerte Amélie, ihm mitzuteilen, was ihre Hände, die noch immer auf seiner Brust lagen, lasen. Es fiel ihr ebenso schwer, wie Minuten zuvor die Erinnerung an Césare zu verdrängen.
»Es fühlt sich an, als ob mich …«, sie schaute unwillkürlich in Richtung des Waldes, »… als ob mich die Stacheln der Kastanien stächen.«
Seine kräftigen Augenbrauen hoben sich überrascht - war es wegen ihrer Formulierung, war es, weil sie ausgesprochen hatte, was er längst schon wusste? Amélie bemerkte nur, dass sein Herz etwas schneller schlug. Einen kurzen Moment lang legte sich eine leichte Röte auf sein wettergegerbtes Gesicht.
»Du meinst also, ich bin dem Tode geweiht«, murmelte er. »So wie diese Rebstöcke …«
Ächzend stützte er sich auf ihre Schulter. Amélie schwieg. Wieder kam ihr Césare in den Sinn. Sie wäre am liebsten zu ihm, in die fröhliche Welt des Verliebtseins, des Tanzes geflüchtet, in seine Arme, die ihr die Kraft seines lebenslustigen Körpers fühlen ließen.
Jérôme Duharnais hustete wieder. Dann, plötzlich, sagte er: »Berühr sie! Fass sie an, die Reben! Sag, sie sind gesund! Sag, alles, was die anderen behaupten, ist Lüge. Nichts als Lüge.« Er stampfte mit einem Fuß auf, beschrieb einen Halbkreis. »Es ist mein Boden, hörst du, Amélie? Dein Vater ist ein noch größerer Dummkopf als dein Bruder. Er glaubt wie alle diese Hornochsen und Vaterlandsverräter diesem Abbé, diesem …«
»… Abbé Dervin, Großvater«, beendete Amélie leise seinen Satz.
»Du weißt davon?« Er schüttelte sie heftig. »Du?«
»Die Reblaus hat bereits fast das ganze Burgund vernichtet, Großvater«, flüsterte sie und senkte errötend ihren Kopf. »Man sagt, sie wird bald die Marne überspringen.«
»Dieser Pfaffe lügt!« schrie Jérôme Duharnais. »Wir werden unsere Rebstöcke nicht herausreißen, als wären es Brennnessel! Wir werden sie nicht verbrennen wie die heilige Jungfrau von Orléans! Ich werde es nicht zulassen, meine Weinberge aufs Schaffott zu führen, um vor den Teufeln einen Kniefall zu machen, die uns dieses verfluchte Ungeziefer in den Pelz gesetzt haben!«
Er bebte vor Wut. (…)
* * * * *
(S. 51f) Wie in den meisten anderen Jahren setzte nun, Anfang Oktober, die Regenzeit ein. Von heftigen Sturmböen aufgepeitscht verdunkelte die kalte Nässe das Licht des Tages, erschwerte Menschen und Tieren gleichermaßen den Gang ins Freie. In den Nächten heulte es im Kamin, klapperten die hölzernen Fensterläden, knarrten Äste, rauschten die Kronen der Hofkastanien. Und doch war Eile geboten. Während in den Weinbergen vorübergehend die Arbeit ruhte, mussten die Fässer mit dem geklärten roten Traubensaft geleert und der Most zum Gären in andere Fässer umgefüllt werden.
Eines frühen Morgens brach der Alte sein Frühstück ab, als der Händler aus Reims mit mehreren hundert Reblaus resistenten Unterlagsreben eintraf. Sofort schickte er Fabien in jene Parzellen, in denen die Reblaus bereits die Wurzelstöcke befallen hatte, um diese zu entfernen. Gut ein Dutzend Lesearbeiter konnten sich über den verlängerten Arbeitseinsatz freuen, denn es galt nun alte Wurzelstöcke aus den Kalkböden der Champagne zu graben, die Erde zu belüften und mit kräftigen Humusgaben anzureichern. Trotz des Regens fuhr Amélie mit Fabien und den Hilfskräften nach Verzy, um die dort vom Alten markierten Rebstöcke aus der Erde zu reißen. Nur langsam wich die Wut über das ihr aufgezwungene Schicksal der Genugtuung, dass sie es war, die diese Aktion letztendlich durchgesetzt hatte.
In Wahrheit litt Amélie, fühlte sich vom Schicksal grausam verhöhnt. Wieder verhielt sich Fabien wie ein Teufel, indem er ihr gegenüber ein paar Mal in spöttischem Ton bemerkte, dass ihr zukünftiger Ehemann, der Witwer und Advokat Christian Henri Papillon, ihrem Großvater doch tatsächlich nur um sieben Jahre an Jugend voraus sei. Allerdings seien die beiden Alten einander enger verbunden, als sie es als Geschwister seien, obwohl bei ihnen ja nur drei Jahre dazwischen lägen - mit derartigen Bemerkungen gelang es Fabien, Amélies seelischen und physischen Widerstand zu untergraben, was zur Folge hatte, dass sie eines Tages in ein heftiges Fieber fiel.
Während sie im Bett lag, mit den Zähnen klapperte und schwitzte, kam es ihr vor, als läge sie mit zermartertem Leib in einem Sarg, der sich nicht über ihr schließen wollte. Ständig schwankte sie zwischen Erbrechen und delirierenden Anfällen. Als das Fieber sie endlich nach einer Woche verließ, waren ihre Wangen schmal geworden, ihre Schultern spitz und wenn sie sich im Spiegel betrachtete, scheute sie vor dem Anblick ihrer mager gewordenen Schenkel zurück, die ihre verführerische Rundung verloren hatten. Stattdessen konnte sie durch den Spalt, der sich zwischen ihnen gebildet hatte, ein Stück Dielenboden und einen Streifen Tapete sehen. Deutlicher, fand Amélie, konnte ihre Auflösung nicht sein.
* * * * *
(S. 93ff) In der Nacht, als Christian Henri Papillon neben ihr lag und klagte, ein Hexenschuss vom frühen Morgen könnte es ihm unmöglich machen, die Stellung einzunehmen, die einem Mann gebühre, schlug Amélie das Plumeau zurück, erleichtert darüber, dass sie von dem verschont blieb, vor dem sie sich so fürchtete.
Sie erhob sich vom weichen Doppelbett, das ein Baldachin aus dunkelblauem Damast mit Seidenkordeln und handgestickten Chinoiserien bewölkte und öffnete eine Flasche Champagner. Der alte Papillon rollte sich auf den Rücken, stopfte sich die Kissen in den Nacken und beobachtete sie. Amélie trank ihren Champagner allein. Sie löste ihr langes Haar, zog die Fenstervorhänge zurück und genoss jene Chardonnay- und Pinot Noir-Trauben, die Großvater und Vater vor Jahren zu diesem köstlichen Getränk hatten heranreifen lassen.
Der Champagner duftete blumig, war frisch und süffig.
Sie betrachtete den zunehmenden Mond. Kugelige Wolken zogen, einer Schafherde gleich, an ihm vorüber. Sterne glänzten wie die Perlen in ihrem Champagner. Sie füllte ihr Glas nach, dachte an Césare und die Stunden mit ihm im Wald, als er ihr Tropfen seines Burgunders vom Busen geküsst hatte. Endlich setzte sie das Glas an die Lippen und versuchte zu verdrängen, dass Papillon ihr zusah, nach ihrer Liebe dürstete.
Fledermäuse flatterten in zackigen Bahnen durch die Nacht. Aus einem nahegelegenen Lokal ertönte Gesang und Akkordeonspiel. Irgendwo heulte ein Hund.
Amélie spürte, dass sie zu schwitzen begann. Papillon hatte das Hauspersonal angewiesen, frühzeitig zu heizen und die Öfen waren bis spät in den Abend mit Holz und Kohle gefüttert worden. Jetzt war die Luft warm und trocken.
Es raschelte hinter ihr. Papillon war aufgestanden und näherte sich ihr. Sie drehte sich erschrocken um. Er lächelte. Noch immer waren die Falten seines langen Nachthemdes ungeknickt. Der hohe Rüschenkragen bedeckte ein wenig sein Kinn, was ihm einen weihevollen Ausdruck verlieh. Und so wirkte er keusch und züchtig. Nur seine Altherrenhände flößten ihr Angst ein. Was, schoss es ihr durch den Kopf, würden sie mit ihrem Körper machen? Was würden sie von ihr fordern?
Papillon beugte sich ein wenig vor und küsste sie auf die Wange. Er roch nach Seife und Eau de Cologne. Dann füllte er ihr leeres Glas nach. »Trink nur, trink«, murmelte er kaum vernehmlich, nahm ihr jedoch kurz darauf das Glas aus der Hand. »Vielleicht sollte ich mir auch einen Schluck gönnen«, setzte er ein wenig unsicher hinzu.
Sie hielt das frisch aufgefüllte Glas gegen das Mondlicht, fast so, als ob sie ihn necken, im Geheimen jedoch Césare in der Ferne zuprosten wollte. Doch als Papillon nach dem Glas griff, schrie er leise auf und taumelte mit den Händen auf dem Rücken, auf das weiche Bett zurück. »Komm zu mir, Amélie«, bat er. »Sei so gut und massiere mir den Rücken.«
Sie setzte sich auf die Bettkante, presste, knetete, kreiste und strich über seinen Rücken. Sie durchschaute sein Spiel: Er war zwar alt und etwas steif, doch gesund. Sie spürte, wie sich kleine Verspannungen lösten, dann wandte sie sich der Stelle zu, von dem er vorgab, sie würde schmerzen, bis Papillon wohlig zu brummen begann. Es war seltsam, doch in diesem über sechzig Jahre alten Körper glomm eine fest zurückgehaltene Lust auf das Leben, die sie ihm nie zugetraut hätte. Und plötzlich überfiel sie wieder die Angst vor dem, was er von ihr fordern würde.
* * * * *
(287ff) Plötzlich war es still.
Amélie öffnete die Augen.
Sie war allein.
Sogar die Tschernyschewa war verschwunden. Selbst die Geiger. Nur der Pianist saß einsam am Flügel, die Hände im Schoß, seinen Kopf gesenkt. Vom hinteren Ende des Saales löste sich nun eine dunkle Gestalt aus dem Schatten der russischen Fahne, kam auf sie zu.
Fürst Baranowskij.
Vor Schreck schrie Amélie leise auf. Er hob die Hand. Der Pianist eilte davon.
Amélie klopfte das Herz bis zum Hals, als er sagte: »Mademoiselle Duharnais? Ich freue mich, Sie kennen lernen zu dürfen.«
Er verbeugte sich, küsste ihr Hand. Sie schaute auf seinen schön geformten Kopf, die breiten Schultern. Dann richtete er sich auf. Im Frack war er noch anziehender als bei ihrer letzten Begegnung, als er Mantel und Zylinder trug. Und plötzlich hatte Amélie große Angst, er könnte es ihr übel nehmen, dass sie ihn als Vorbild für ihre Etiketten genommen hatte.
Hoffentlich glaubt er nicht, ich sei ein besonders raffiniertes Luder, dachte sie, hätte nur vorgetäuscht, in ihn verliebt zu sein. Wenn ich dich doch nur halten könnte, flehte sie ihm in Gedanken zu. Vergib mir. Und geh bitte nicht fort.
»Ich … ich werde bald abreisen, Monsieur, diese, meine Reklameidee ist meine letzte hier in Piter«, stammelte sie verwirrt. Er hob die Augenbrauen, musterte sie ernst.
»Durchlaucht, Mademoiselle, man sagt Durchlaucht. Ich bin Fürst Alexander Baranowskij.«
Sie merkte, wie sie rot anlief. Sie hatte auch noch die falsche Anrede getroffen.
»Verzeihen Sie, Durchlaucht. Ich fürchte, ich bin vom vielen Tanzen ein wenig durcheinander. Ich sollte gehen, Madame Tschernyschew erwartet mich. Das Essen …«
Sie wandte sich von ihm ab und ging. Kurz bevor sie die Mitte des Saales überschritten hatte, fiel ihr etwas vor die Füße, rollte hin und her und blieb liegen. Es war ihr Champagnerkorken. Sie drehte sich nach dem Fürsten um. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie der Pianist auf Zehenspitzen an der Fensterfront vorbeihastete, um wieder seinen Platz am Flügel einzunehmen.
Fürst Baranowskij kam langsam auf sie zu: »Wer sind Sie, Mademoiselle, dass Sie Ihren Ruf für dieses Produkt hier«, er zeigte auf den Korken, »aufs Spiel setzen?«
»Ich bin …«, setzte Amélie erschrocken an, doch er unterbrach leise: »La Belle Amézou, ich weiß.«
Verachte mich nicht, schrie es in ihr. Sie riss ihren ganzen Mut zusammen und sagte: »Dieser Name gleicht dem Schaum des Champagners. Er knistert, bläht sich auf, brodelt über den Rand des Glases …«
Der Fürst hob die Augenbrauen. »… brodelt über …«, wiederholte er tadelnd und Amélie beeilte sich hinzuzufügen: »Und doch sind es nur Kohlensäurebläschen …«
»Soll ich glauben, dass das, was La Belle Amézou tut, nichts anderes ist als Schaumschlägerei? Wenn man Ihrem Ruf Glauben schenken würde, hinterlässt der Schaum nicht Champagnertropfen, sondern brennenden Durst. Die Herren scheinen geradezu süchtig nach Ihnen zu sein.«
»Ich verstehe Sie gut. Sie halten mich für frivol, Durchlaucht. Doch warum sind Sie dann dieser Einladung gefolgt?«
»Mich interessiert das Spiel nicht. Um ehrlich zu sein, verabscheue ich Spiele aller Art.« Er schwieg einen Moment. »Es ist das vierte Mal, das wir uns begegnen, nicht? Das erste Mal sahen wir uns an der Alexandersäule. Das zweite Mal beschossen Sie mich mit Ihrem Champagnerkorken, das dritte Mal trafen wir uns vor dem Schloss Monplaisir. Und heute, heute möchte ich herausfinden, wer Sie wirklich sind, Mademoiselle - oder ob alles nur Zufall ist.«
»Durchlaucht?«
»Ja, Mademoiselle?«
»Versprechen Sie mir, dass Sie La Belle Amézou vergessen, wenn Sie erfahren, wer ich wirklich bin?«
Ihre Blicke verschmolzen ineinander. Amélie spürte, dass sie ihn faszinierte, er sich danach sehnte, sie so zu sehen, wie sie war.
»Nein«, antwortete er zärtlich. «Nein, das verspreche ich Ihnen nicht. Ganz gleich, was Sie heute von sich preisgeben. Sie haben sehr viel für Ihren Geschäftssinn aufs Spiel gesetzt. Ich verspreche Ihnen, auch ich bin bereit, ein Wagnis einzugehen. Ich kann sehr hartnäckig, doch auch großzügig sein." Auf seinen Wink hin setzte das Vorspiel zu einem langsamen Walzer ein. »Darf ich um diesen Tanz bitten, Mademoiselle?« fragte er leise.
Und mit einem Mal erkannte Amélie das süße Flehen in seinem Blick.


