DeLiA

Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

LIEBE IM SCHATTEN DES VERRATS


Sie gibt sich ihm hin, doch er wird ihr zur Gefahr …

Die ungestüme junge Lady Alicia wird vom Hochadel Greenwichs nicht zuletzt ihrer Wahrheitsliebe und ihrer unkonventionellen Ideen wegen bestenfalls geduldet. Als die Handelsfirma ihres Vaters durch eine Schmugglerbande an den Rand des Ruins getrieben wird, entschließt sie sich, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Hierbei trifft sie auf den geheimnisumwobenen schwarzen Earl, und schon bald verliert sie ihr Herz an den blendend aussehenden, doch unnahbaren Zyniker. Sie gibt sich ihm hin, nicht wissend, dass es in seiner Macht steht, ihren Vater zu vernichten …




LESEPROBE


Zwei Abende später saßen Robert, Gilard und Jason in einer dunklen Ecke einer verrauchten Spelunke am Hafen.

»Konntest du keine üblere Kneipe ausfindig machen, Rob«, maulte Gilard verdrießlich. »Hier kann man sich vermutlich sämtliche hässlichen Krankheiten zuziehen, ohne sich auch nur von seinem Stuhl erheben zu müssen.«

Gilard betrachtete angewidert die klebrige, angetrocknete Substanz vor sich auf dem Tisch. »Ich möchte bei Gott nicht wissen, was das einmal gewesen ist.«

Jason lachte krächzend vor sich hin, wobei er erstaunlich weiße Zähne in einem grobschlächtigen Gesicht entblößte. Er war es gewohnt, sich in den übelsten Gegenden aufzuhalten, auch wenn er es sich zuweilen anders wünschte. Aber dies brachte seine Arbeit nun einmal mit sich, und dank seiner untersetzten, drahtigen Erscheinung gelang es ihm stets, sich unauffällig unter den zwielichtigsten Gestalten zu bewegen. Er war auch sehr stolz darauf, sich als Privatdetektiv des schwarzen Earls bezeichnen zu dürfen. Nicht nur, weil es ein sehr lukrativer Beruf war, sondern auch weil allseits bekannt war, dass der Earl für jede Aufgabe stets nur die Besten einstellte. Neugierig warf er diesem nun einen Blick zu, um seine Reaktion auf das unwürdige Umfeld zu beobachten.

Es gab keine. Sein Arbeitgeber saß entspannt zurückgelehnt in seinem Stuhl und verschmolz fast mit den düsteren Schatten der Nische. Plötzlich bildete sich jedoch eine steile Falte auf seiner Stirn, und er lehnte sich weiter vor. Jasons Augen folgten seinem Blick und blieben ebenfalls an der hübschen Schankmagd hängen. Anscheinend genoss diese die volle Aufmerksamkeit des Earls. Jason schüttelte grinsend den fast kahlen Schädel. Männer blieben eben doch Männer, egal in welcher Gesellschaftsschicht sie auch geboren waren.

»He, Weib, bring uns unser Ale, wir verdursten«, rief er deshalb, damit sie sich dem Earl aus der Nähe präsentieren konnte.

Robert beobachtete, wie die Schankmagd kurz mit dem Wirt flüsterte, bevor sie mehrere gut gefüllte Humpen auf ein Tablett stellte und zu einem Tisch ging, an dem sechs verwahrloste Gestalten saßen.

Irgendetwas störte Robert an dem Mädchen, und das war nicht nur das falsche, rote Haar. Vermutlich trug sie eine Perücke, um entweder den wegen Läusen rasierten Kahlkopf zu verbergen oder aber um nicht erkannt zu werden. Allein der Verdacht auf ein mögliches Geheimnis fesselte ihn, und er beobachtete sie weiter.

Sie war sehr schlank und von zierlicher Statur. Dennoch quollen ihre vollen Brüste verführerisch aus dem Mieder hervor. Was ihn zu seiner nächsten Überlegung brachte. Haut wie feinster Alabaster. Rein und von einer zarten Blässe, als hätten diese herrlichen Halbkugeln noch nie das Sonnenlicht auf sich gespürt - sehr merkwürdig für eine Kneipenhure.

»Hier, die Herrschaften«, mit diesen Worten knallte der Wirt ihnen den Krug auf den Tisch.

»Wir wollten eigentlich von der Magd bedient werden«, hob Jason brummend hervor.

»Die ist beschäftigt, wie ihr seht. Das Bier ist dasselbe. Egal, wer es bringt«, schnauzte der Wirt zurück und wischte sich die schmutzigen Finger an der noch dreckigeren Schürze ab.

»Aber die Frau ist ein weit hübscherer Anblick als du«, fauchte Jason angriffslustig.

Im nächsten Augenblick brach der Wirt in gutmütiges Gelächter aus.

»Teufel auch, da muss ich dir Recht geben, mein Freund.« Noch immer lachend kehrte er zu dem Tresen zurück, wo er sich selbst einen kräftigen Schluck Ale gönnte.

Robert versank ganz in dem Anblick der Magd. Weshalb kam ihm diese Hure nur so bekannt vor? Für gewöhnlich pflegte er solche Weiber zu meiden - woher kannte er sie also? Angewidert beobachtete er, wie sie sich lachend auf den Schoß eines Mannes fallen ließ.

* * * * *

»Ihr seht aus, als könnt euch ein rechter Schluck von unserm Whisky schmecken.«

Als der Seemann lachte, schlug ihr eine Wolke säuerlicher Atem entgegen, und Alicia musste gegen die aufsteigende Übelkeit ankämpfen.

»Mir würde noch was ganz andres schmecken, Weib.«

Sie kitzelte ihn unterm Kinn. »Warst wohl lang auf See, was?«

»Das kannste laut sagen.« »Woher kommt ihr denn?«

»Geradewegs aus der Karibik. Und wir lechzen nach 'nem weichen Busen, an den wir uns lehnen könn'. Nich wahr, Leute?« Er steckte seine Nase tief in Alicias Ausschnitt, während die anderen lauthals grölten.

Alicia schluckte schwer, ließ es jedoch geschehen und konzentrierte sich ganz auf ihre Rolle. »Und, was habt ihr denn Schönes mitgebracht? Feinsten Rum? Stoffe? «

Ein kleiner, hagerer Mann mit einer hässlichen Narbe über der linken Wange fuhr sie grob an. »Du fragst zu viel, Weib.«

Alicia zuckte gleichmütig mit einer Schulter. »Bin eben ein neugieriges Frauenzimmer.« Sie schenkte den Männern noch einmal nach. »Mein Boss wäre bestimmt an einigen Fässern Rum interessiert …«

»Wir ham aber keinen Rum«, ließ sich der Jüngste von ihnen vernehmen.

»Halt die Klappe, du Idiot«, fuhr das Narbengesicht ihn drohend an.

»Na, dann eben nich.« Alicia erhob sich, doch die groben Finger hielten sie zurück.

»Nich so schnell, meine Schöne. Ich hab Lust, mich zwischen deine Schenkel zu rammen.«

Alicia dankte Gott, dass es in der stickigen Schenke so dunkel war. Ihre Wangen brannten vor Scham und Wut. »Dann musst du wohl einige Häuser weiter ziehn, Süßer. Hier gibt’s nichts außer Ale, Brandy oder Rum.«

Sein Griff verstärkte sich um ihre Mitte.

»Warum sollt ich mir die Mühe machen und weiter ziehn, wenn ich dich ham kann?«

Allmählich bekam es Alicia mit der Angst zu tun, trotzdem lächelte sie zuckersüß.

»Vielleicht, weil du dort mehrere auf einmal kriegen kannst? Oder biste nich Manns genug für zwei?«

Seine Kumpanen verfielen in anzügliches Gelächter und spotteten über ihren Freund. »Die hat’s dir aber gegeben, was. Nich Manns genug …«

Mit einer verächtlichen Geste stieß er Alicia von seinem Schoß.

»Geh mir aus den Augen, Hure.« Alicia stolzierte mit aufreizendem Hüftschwung hinter die Theke und verschwand in dem kleinen Hinterzimmer, wo der Wirt die Fässer aufbewahrte. Dort lehnte sie sich zitternd an die kühle Wand und schloss die brennenden Augen.

»Alles in Ordnung, Lady Wincliff? Geht es Ihnen gut?«

Sie schenkte Hubert ein kleines Lächeln. »Alles bestens. Ich bin nur ein wenig erschrocken. Das ist alles.«

Nein, das war noch lange nicht alles, dachte sie verzweifelt, während sich ihr Herzschlag und ihr Magen langsam beruhigten. Nichts war hier in Ordnung, und es ging ihr alles andere als gut. Ihre Hände zitterten, und sie fühlte sich, als würde sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen.

Hubert nahm sachte Alicias Arm und führte sie zu dem grob gezimmerten Tisch in der Ecke, damit sie sich auf einen Stuhl setzen und etwas ausruhen konnte. Ihr Zustand machte ihm ernstlich Sorgen. Nicht nur, weil sie auf Grund ihrer vornehmen Herkunft und ihres zierlichen Körperbaus der schweren Arbeit in einem Schankraum nicht gewachsen war. Vor allem die derben Sprüche und die Freiheiten, die sich die betrunkenen Seeleute bei ihr herausnahmen, setzten ihr schwer zu. Erst gestern Nacht hatte er beobachtet, wie sie sich immer wieder verstohlen die Tränen aus den Augen gewischt hatte, wenn sie sich unbeobachtet gefühlt hatte. Hubert tätschelte väterlich Alicias Hand.

Nach allem, was dieses Mädchen für ihn und seine Frau getan hatte, hatte sie dies wirklich nicht verdient. Er setzte sich ihr gegenüber an den Tisch und schüttelte betrübt den Kopf. »Was Sie da tun, gefällt mir gar nicht, Lady Wincliff. Weshalb sagen Sie mir nicht einfach, welche Informationen Sie benötigen, und ich besorge den Rest.«

Alicia schüttelte entschieden den Kopf. Sie würde es niemals zulassen, dass sich jemand für sie in Gefahr begab. »Ich weiß deinen Vorschlag wirklich zu schätzen, Hubert, doch da ich selbst nicht genau weiß, nach welcher Art von Hinweis ich suche, würde es nicht funktionieren.« Sie schenkte ihm ein zuversichtliches Lächeln. »Es wird bestimmt nicht mehr lange dauern, bis ich auf etwas stoße.«

Hubert schüttelte erneut den Kopf. »Auf jeden Fall zu lange. Es ist einfach zu gefährlich. Wenn Sie nun jemand erkennt?«

»So?« Alicia deutete auf ihre Pausbacken, die ihr ganzes Gesicht veränderten und ihre Züge plump und kindlich wirken ließen - ein Trick, den sie einem

Gaukler auf dem Jahrmarkt abgeguckt hatte. Man nahm einfach einen Streifen Stoff, rollte ihn zusammen und steckte ihn sich zwischen Wange und Zahnfleisch. Dann blickte sie an ihrem >Kleid< hinunter, das mehr entblößte als verbarg, und rümpfte angewidert die Nase.

»Ich glaube, selbst mein Vater würde mich nicht erkennen, wenn er mich in diesem Aufzug sehen Würde. Aber du hast Recht, Hubert, für heute habe ich wirklich genug. Ich bediene jetzt noch den letzten Tisch. Könntest du deinen Sohn bitte nach meiner Kutsche schicken? Wes wird sicher auch froh sein, wenn er mich vor der Morgendämmerung holen kommen kann.«

»Natürlich, Lady Wincliff. Ich werde meinen Jungen unverzüglich wecken.«

* * * * *

Noch immer grübelte Robert nach, woher er diese Hure kannte. Und er kannte sie, da war er sich völlig sicher. Sie trat gerade wieder aus dem Nebenraum heraus.

Er beobachtete, wie sie tief einatmete, mit einer entschlossenen Geste die Röcke ausschüttelte und ihr Kinn zum Angriff reckte. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Alicia!

»Teufel und Verdammnis, das wird sie nicht wagen!«



Patricia Alge

Patricia Alge: Liebe im Schatten des Verrats
Originalausgabe
Heyne Verlag September 2002
Taschenbuch (vergriffen)


Originalausgabe: Heyne, 2002
Genre: historischer Liebesroman
Zeit: 19. Jahrhundert
Handlungsort: England
(Greenwich)