bibo Loebnau - Tiefes Blau

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eBook

VerlagCreateSpace
ErschienenMärz 2014
ASINB00P16O7MK
Seitenanzahl62
Preis0,99 €

Inhaltsangabe

Das Labor lag fünfhundert Meter vor Huvafenfushi im Nord-Male-Atoll, fest verankert in fünfzig Metern Tiefe. Vor zwei Jahren waren auch die höchsten Palmen der kleinen Malediven-Insel im Meer verschwunden. Statt der wohlhabenden Honeymooner hatten die Wissenschaftler hier seit zehn Jahren das Kommando – unter Wasser. Der Luxus früherer Jahre, die edel ausgestatteten Villen am schneeweißen Korallenstrand und das Unterwasser-Spa waren inzwischen fünf funktionalen, durch enge Röhren miteinander verbundenen Deep-Sea-Containern gewichen.
Das leise Summen der voluminösen Rebreather, welche die Atemluft stetig wieder aufbereiteten, nahmen Otta, Jeff und ihre Kollegen schon lange nicht mehr wahr. In ihren beengten Laboratorien mit den angeschlossenen Wohnmodulen lebten und arbeiteten sie umgeben von dem Element, das Fluch und Segen zugleich war. Im Meer fanden sie das Objekt ihrer Begierde, das sie ohne das landverschlingende Wasser wahrscheinlich nie entdeckt hätten. Bei konstanten dreiundzwanzig Grad Celsius Raumtemperatur betrieben sie ihre Untersuchungen völlig abgeschottet von der Außenwelt.
Eine Satellitenverbindung bestand nur zur URL, der Zentrale der „Underwater Research Laboratories“ in Neu-Delhi. Dort liefen sämtliche Forschungsergebnisse aller vierhundert Unterwasser-Labore aus den Ozeanen rund um den Globus ein. Als letzte verbliebene Weltmacht kontrollierte Indien seit fast zehn Jahren das Geschehen auf der Erde – die seit Mitte 2100, statt wie früher zu 71 inzwischen zu über 90 Prozent von Wasser bedeckt war. Und die See schien noch immer Appetit auf Land zu haben.

Und in der unergründlichen blauen Tiefe lauert etwas Monströses auf die Wissenschaftlerin Otta …

Leseprobe

Der dünne, rote Kühlfaser-Anzug schmiegte sich eng an ihren schlanken Körper. Otta griff sich einen der bleistiftgroßen, aufgeladenen Atemsticks und klinkte ihn in ihren Helm mit der Visioner-Kamera ein. Das Hydreliox-Gemisch würde für die nächsten fünf Stunden auch in über hundert Metern Tiefe ausreichen. Ungeduldig wartete sie darauf, dass die Schleuse sich mit Meerwasser voll pumpte und ihr den Weg nach draußen frei gab. Sie atmete tief durch und überprüfte ihre Instrumente, während das Wasser langsam an ihrem Körper emporstieg.
Kaum hatte sich das Tor weit genug geöffnet, schaltete Otta ihren Skooter ein und ließ sich hinausziehen. Ihre nackten Hände registrierten die Wärme des Ozeans, aber ihr Anzug sorgte dafür, dass sie nicht schwitzte. In einer weiten Rechtskurve glitt sie näher an das Riff heran, das hier steil abfiel. Die digitale Tiefenanzeige auf der Innenseite ihres Visiers zeigte 52 Meter an.
Otta ließ den Blick über die kalkweiße Wand schweifen. Kein Anzeichen von Leben, nicht mal Algen oder Schwämme, sondern nur die bizarren Formen der abgestorbenen Korallen-Skelette. Als sie sich kurz umsah, verschwanden gerade die Umrisse des Unterwasserlabors in der Ferne. Sie suchte das Riff zu ihrer Linken und das Meer vor ihr systematisch nach Veränderungen ab. Ihr LFA-Sonar sendete konstant tieffrequente Klicklaute aus, doch in dem klaren Dunkelblau um sie herum schien sich nichts zu bewegen.
Wenn sich die Neon-Desmoiselles noch im flacheren Wasser aufhalten würden, hätte ich sie längst finden müssen, überlegte sie und beschloss, tiefer zu tauchen.
Da knackte es in ihrem Kopfhörer, und die spöttische Stimme von Jeff ertönte:
„Hallo, Frau Kollegin! Schon was Interessantes entdeckt? Hübsche blaue Fischlein am toten Riff? Warum schaltest du das Bild des Visioners nicht frei, damit ich sie auch sehen kann?“
Otta drückte kurz auf die Mikro-Taste an ihrem Oberkörper:
„Hör auf, mich zu nerven! Ich weiß, was ich gesehen habe. Irgendetwas ist hier draußen, und ich melde mich erst wieder, wenn ich es gefunden habe! Du wirst schon sehen, verdammt! Ich melde mich hiermit ab. Ende und aus!“

Nach weiteren zwanzig Metern hatte sie die Riffkante erreicht. Hier fiel der Korallenfels unvermittelt ab. Otta versuchte, etwas zu erkennen, doch unter ihr gähnte nur die dunkle Tiefe. Sie checkte ihre Überlebensfunktionen. Der Computermonitor in ihrem Helm zeigte grünes Licht. Otta ließ sich über die Kante gleiten, schaltete den Skooter aus und ließ sich fallen. Wie in Zeitlupe sank sie hinab – 60, 70, 80 Meter. Ihr Anzug glich den steigenden Umgebungsdruck automatisch aus, so dass sie gleichmäßig weiter absinken konnte. Um sie herum wurde es merklich dunkler. Als sie nach oben blickte, konnte sie das Sonnenlicht an der Wasseroberfläche nur noch erahnen. Das Riff war inzwischen zu weit weg, um sich daran orientieren zu können. Um sie herum war nur noch undefinierbares Blau.
Plötzlich bemerkte sie im Augenwinkel eine Bewegung. Ruckartig drehte sie den Kopf zurück und starrte in das Zwielicht unter ihr. Doch mit bloßem Auge konnte sie nichts erkennen. Sie schaltete den Visioner ein und aktivierte den Darkness-Modus. Sofort veränderte sich das Bild. Auf ihrer Helminnenseite konnte sie ihre Umgebung im Umkreis von fünfzig Metern jetzt taghell wahrnehmen. Und da sah sie es …