bibo Loebnau - Sonne, Meer und Wolkenbruch

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Taschenbuch

VerlagBoD
ErschienenJuli 2016
ISBN-139783741250668
Seitenanzahl312
Preis10,99 €

eBook

VerlagBoD
ErschienenAugust 2016
ASIN9783741259
Seitenanzahl312
Preis6,99 €

Inhaltsangabe

Kann man sich zweimal in denselben Mann verlieben?
Diese Frage wirbelt das Leben von Lea gehörig durcheinander. Ihre erste Liebe Robin hat sie nie vergessen – den englischen Musiker, in den sie sich in einem heißen Sommer in Südfrankreich unsterblich verliebte. Damals hatte er sie ohne Erklärung verlassen. 30 Jahre später entdeckt sie ihn zufällig im Internet wieder. Als sie den gefühlvollen Songs auf seiner Website lauscht, überwältigen sie die Erinnerungen. Doch Robin lebt zurückgezogen mit seinen beiden Border Collies in einem Cottage bei Nottingham und Lea als Fotografin in Berlin. Darf sie ihre Ehe für eine ungewisse Zukunft mit ihrer Jugendliebe aufs Spiel setzen? Und wer ist dieser Mann mit den sanften blauen Augen inzwischen? Die Mails, die bald regelmäßig hin- und hergehen, lassen Lea im Ungewissen. Erwidert Robin ihre Gefühle oder wird er sie ein zweites Mal enttäuschen? Ihre wiedererwachte Liebe reißt Lea in einen Strudel aus Sehnsucht, Leidenschaft und Verzweiflung.

Leseprobe

PROLOG

Eine sanfte Brise vom Meer strich über meine nackten Schultern und kühlte angenehm den leichten Sonnenbrand, den ich mir tagsüber am Strand zugezo-gen hatte. Doch ich war so versessen darauf gewesen, etwas Bräune auf meinen Körper zu bekommen, dass ich das gerne in Kauf nahm. Ich war erst seit ein paar Tagen hier auf dem Campingplatz in der Nähe von Perpignan in Südfrankreich. Und heute Abend wollte ich mir endlich die Open-Air-Disco ansehen – heimlich, was die Sache noch aufregender machte. Ich hatte ge-wartet, bis meine Eltern in ihrem Hauszelt eingeschlafen waren und mich dann leise aus meinem Einmann-Zelt geschlichen.
Französische Popmusik schallte mir entgegen, als ich mich gegen halb elf vom Strand aus der kleinen Disco näherte. Bunte Lichter zuckten durchs offene Dach in den sternenklaren Nachthimmel. Ich suchte mir einen Platz am Rand der Tanzfläche. Mit dem Glas Pernod und dem blauen Päckchen Gauloise vor mir auf dem Tischchen kam ich mir sehr französisch und sehr erwachsen vor. Die Musik gefiel mir, ich nippte an meinem Glas, paffte ein paar Züge an der viel zu starken Zigarette und fing dann an, alleine zu tanzen.
Als ich gerade ausgelassen zu ‚Abracadabra‘ von der Steve Miller Band rockte, bemerkte ich, dass ich beobachtet wurde. Soweit ich das im zuckenden Disco-licht erkennen konnte, war der Typ in Jeans und weißem T-Shirt, der ein Stückchen entfernt ebenfalls alleine tanzte, recht attraktiv – einen Kopf größer als ich, sportliche Figur, leicht gebräunt, mit strahlendblauen Augen. Ein sympathisches Lächeln umspielte seine Lippen, als er meinen Blick erhaschte. Ich lächelte kurz zurück und machte eine halbe Drehung. Er sollte nicht gleich merken, wie sehr er mich interessierte.
Doch als ich mich nach einer Weile wieder umdrehte, war er verschwunden. Enttäuscht suchte ich die Tanzfläche ab. Und endlich entdeckte ich ihn. Er saß mit drei Frauen an einem der Tische – und beobachtete mich noch immer.
Unauffällig tanzte ich mich in seine Nähe, als der DJ plötzlich meinen Lieblingssong auflegte – „Rap-pers Delight“. Irgendwie hatte ich es geschafft, einige Passagen des schwierigen Rap-Textes auswendig zu lernen. Also bewegte ich jetzt die Füße im Rhythmus und rappte begeistert los: „I said a hip hop, hippie to the hippie, the hip, hip a hop, and you don’t stop, a rock it, to the bang bang boogie, say, up jump the boogie, to the rhythm of the boogie, the beat …“
Ich wollte den Typen mit den schönen Augen unbedingt beeindrucken. Bei den Textstellen, die ich nicht beherrschte, drehte ich mich wie zufällig von ihm weg, nur um dann wieder in seine Richtung zu tanzen und lässig mitzusingen. Obwohl er in Gesellschaft war, schien er nur Augen für mich zu haben. Das gefiel mir.
Nach dem Ende des langen Songs ließ ich mich erschöpft auf meinen Stuhl fallen. Ich fummelte eine Zigarette aus dem zerknautschten Päckchen und wollte sie gerade anzünden, als schräg hinter mir ein Feuerzeug aufflammte.
„May I?“, fragte jemand höflich auf Englisch. Irritiert sah ich mich um und blickte in die blauen Augen.
„Oh, thank you“, antwortete ich überrascht und ließ mir Feuer geben.
„May I?“, fragte er wieder und deutete auf den freien Stuhl neben mir.
„Yes, of cause!“, stimmte ich etwas zu hastig zu.
Er nahm Platz und lächelte mich freundlich an. „Where are you from?“, erkundigte er sich mit britischem Akzent.
„Äh, Oldenburg …“, stammelte ich.
„Where is that?“, fragte er irritiert.
„In Germany.“
„Oh, so you’re not English?“ Seine Stimme klang überrascht, und er musterte mich neugierig.
„No, I’m German. Is that a problem for you?“, antwortete ich mit hochgezogener Augenbraue.
„No, nein. Überhaupt nicht. Ich dachte nur, weil du die Songs mitsingen konntest …“, erwiderte er in fast akzentfreiem Deutsch.
„Ach, und du sprichst Deutsch?“ Nun war ich überrascht.
„Ja, meine Mum war aus Deutschland.“
„War?“ Ich sah ihn fragend an.
„Ja, sie ist leider vor ein paar Jahren gestorben“, erklärte er mit leiser Stimme.
Am liebsten hätte ich mir auf die Zunge gebissen. „Oh, das tut mir leid …“, entschuldigte ich mich.
Er starrte auf seine Hände und antwortete: „Ja, das ist traurig, doch auch schon lange genug her, sodass es nicht mehr ständig wehtut.“
Er schien in Gedanken versunken zu sein, und ich überlegte, ob ich mit meiner unbedachten Frage vielleicht unser Gespräch kaputtgemacht hatte. Doch plötzlich sah er mir lächelnd in die Augen und fragte: „Wie heißt du eigentlich?“
„Melanie“, stieß ich, erleichtert darüber, dass die Gesprächspause vorüber war, aus.
„Melanie …“ Er ließ sich den Namen förmlich auf der Zunge zergehen. „Ein schöner Name.“
„Meine Freunde nennen mich meist Lea.“
„Ich mag Melanie lieber.“ Er lächelte entschuldigend. „Stört es dich, wenn ich dich Melanie nenne?“
„Nein, absolut nicht.“ Solange er nur sitzen blieb und sich weiter mit mir unterhielt. „Und wie heißt du?“
„Robin. Und nenn mich bitte nicht Robby – das kann ich nicht ausstehen“, sagte er lachend, und ich betrachtete fasziniert die kleinen Lachfältchen um seine schönen Augen.
„Okay, Robin!“, stimmte ich ihm lächelnd zu. „Woher kommst du?“
„Ich lebe seit ein paar Jahren in Nottingham.“
„Im Ernst?“, amüsierte ich mich. „Robin aus Nottingham? Wirklich originell!“
„Finde ich auch“, meinte er grinsend. „Aber das konnte meine Mum ja nicht ahnen, als sie mich so nannte.“
Ich verkniff mir eine weitere Frage zu seinen Eltern oder weshalb er jetzt in Nottingham lebte. Bloß nicht noch ein Fauxpas.
Schweigend saßen wir nebeneinander. Ich wippte mit dem Fuß zur Musik und blickte auf meine neuen, rosaroten Flipflops.
Erfreut stellte ich fest, dass Robins Füße in hellgrünen Flipflops steckten und sich ebenfalls im Takt bewegten. Wir schienen dasselbe Rhythmusgefühl zu haben, freute ich mich und überlegte, wie es nun weitergehen sollte.
„Hier ist gleich Schluss …“, sagte er zögernd.
„Wie, Schluss?“, fragte ich verwirrt nach.
„Die Disco schließt um Mitternacht.“
„Ach so … Schade, ich bin noch gar nicht müde“, erwiderte ich enttäuscht.
Er zögerte einen winzigen Moment und fragte dann zaghaft: „Sollen wir noch irgendwo ein Glas Wein trinken gehen?“
Ich brauchte nicht lange zu überlegen. „Ja, gerne. Wo denn? Ich kenne mich hier leider gar nicht aus.“
„Wir sind auch erst vor ein paar Tagen ange-kommen. Außer dem Campingplatz, dem Strand und der Disco kenne ich bisher noch nichts.“ Er zuckte bedauernd die Schultern. „Aber wir können ja mal gucken, ob wir irgendwo ein nettes Lokal finden.“
Sofort fielen mir die Frauen an seinem Tisch ein. „Kommen deine Freunde mit?“, fragte ich vorsichtig.
„Nein, das sind Bekannte von meiner Freundin Jane. Mit denen bin ich per Bus aus England hierhergekommen.“ Als er meinen zweifelnden Blick sah, ergänzte er nachdrücklich: „Wir sind nur gute Freunde, und sie ist auch meist mit ihren Mädels zusammen.“
„Okay, dann lass uns mal nach einer Kneipe suchen“, stimmte ich erleichtert zu.
Doch weder auf, noch in der Nähe des Campingplatzes fanden wir ein Lokal, das um die Zeit geöff-net hatte, und bis in den nächsten Ort war es zu Fuß viel zu weit. Als wir unverrichteter Dinge wieder vor der inzwischen geschlossenen Disco ankamen, blickte ich ihn ratlos an.
„Das wird wohl nichts mehr“, seufzte ich enttäuscht.
Robin schien zu überlegen. Schließlich gab er sich einen Ruck und fragte vorsichtig: „Ich hab noch eine Flasche Rotwein im Zelt. Soll ich die holen?“
„Warum nicht?“, erwiderte ich und überlegte, wohin das führen würde. Wollte er mich betrunken machen und dann hier am Strand vernaschen? Doch wie ein Aufreißer wirkte dieser zurückhaltende Engländer eigentlich nicht.
Erleichtert bemerkte ich, dass seine Stimme ebenso unsicher klang, wie ich mich fühlte, als er mich ernst ansah und ergänzte: „Die Flasche ist nur noch halb voll. Damit könnten wir uns ans Meer setzen und uns noch ein bisschen unterhalten …“
„Okay … Ich warte hier“, antwortete ich dennoch etwas beklommen und setzte mich in den warmen Sand unter einer großen Pinie.
Die schmale Mondsichel tauchte den breiten Strand vor mir in ein dämmriges Licht. Bis auf das sanfte Meeresrauschen war es still. Ich grübelte, was wohl geschehen würde, wenn wir mit dem Wein dort im Dunklen zusammensitzen würden. Ob er versuchen würde, mich zu küssen?
„Hoffentlich“, seufzte ich leise und lächelte in mich hinein.

„Gläser konnte ich leider nicht finden – meine Leute schlafen schon“, entschuldigte sich Robin, als er ein paar Minuten später zurückkam.
Wir liefen Seite an Seite am Meer entlang, ohne uns zu berühren. Die sanften Wellen umspülten unsere Füße. Schließlich entdeckten wir ein windgeschütztes Plätzchen zwischen ein paar dicken Stämmen Treibholz, die sich am Strand aufgetürmt hatten.
Schweigend saßen wir nebeneinander und tranken einen Schluck Rotwein aus der Flasche. Meine Hände spielten mit dem warmen Sand, und ich zermarterte mir das Hirn, wie ich ihn dazu bringen könnte, mich zu küssen.
„Mit wem bist du eigentlich hier?“, riss er mich aus meinen Gedanken.
„Hier?“ Irritiert sah ich ihn an. „Ach so, hier in Frankreich“, verstand ich. „Mit meinen Eltern. Aber ich habe ein eigenes Zelt“, fügte ich stolz hinzu.
„Da hast du es besser als ich. Ich muss mir das Zelt mit Jane teilen. Sie schnarcht.“
Wir kicherten beide und schwiegen dann wieder. Bevor die nächste Pause zu lang werden konnte, fragte ich ihn, was er denn so in Nottingham machte.
„Ich bin Musiker. Drummer, um genau zu sein.“
„Das ist ja toll. Ich liebe Schlagzeug“, erwiderte ich ehrlich begeistert. „Ich hab nur ein bisschen Klavier gelernt. Das war für die Nachbarn besser zu ertragen als ein Schlagzeug“, erklärte ich grinsend und fragte weiter. „Spielst du in einer Band?“
„Im Moment nicht. Aber ich trommle schon seit meinem fünfzehnten Lebensjahr – Schlagzeug, Percussion, Darbuka, Kongas, Dulcimer. Alles, worauf man rumhauen kann.“ Er lachte auf. „Ich hab schon in einigen Bands gespielt.“
„Und weshalb jetzt nicht mehr?“
„Ich bin gerade dabei, mein Leben zu ändern“, sagte er leise und verstummte.
Gespannt wartete ich auf eine Erklärung, doch er starrte nur hinaus aufs dunkle Meer. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus.
„Was hast du denn vor mit deinem Leben?“
Er blickte mich überrascht an.
„Eine große Frage …“ Robin überlegte einen Moment und erklärte dann: „Ich weiß es selber noch nicht genau, aber erst mal will ich weg aus England. Zumindest für eine Weile. Ich werde mit meinem Freund Dylan im Herbst hier in Südfrankreich bei der Weinernte arbeiten und mit dem Geld dann weiter durch Europa trampen. Genaue Pläne hab ich bisher nicht …“ Er zuckte mit den Schultern.
„Klingt aufregend, so einfach alle Brücken abzubrechen und sich von einem Ort zum anderen treiben zu lassen.“ Ich war beeindruckt.
„Die Welt ist so groß, und ich möchte wenigstens einen Teil von ihr entdecken, bevor ich alt und grau bin.“ Er seufzte leise.
„Ganz schön mutig. Ich weiß nicht, ob ich das könnte.“ Wenn ich ehrlich war, machte mir die Vorstellung sogar ein bisschen Angst.
„Na ja, eigentlich bin ich alles andere als mutig“, gab Robin zu. „Aber Dylan hat mich überzeugt. Und mit ihm zusammen traue ich mich. Wir kennen uns sehr gut. Wie sagt man das auf Deutsch?“ Er stutzte nur kurz. „Seit der Sandkiste. Genau, wir kennen uns schon ewig. Ich weiß, dass man sich auf ihn verlassen kann.“ Er sah mich lächelnd an. „Du würdest Dylan mögen. Aber jetzt erzähl du doch mal, Melanie. Was machst du in Ollen … Sorry, wie heißt das noch mal, wo du lebst?“
„Oldenburg. Ich gehe noch zur Schule, aber bald mach ich Abi, und dann will ich auch erst mal ein bisschen was von der Welt sehen vor der Uni.“ Dass es bis zum Abitur noch ein paar Jahre dauern würde verschwieg ich wohlweislich. Schließlich wollte ich, dass er mich als Frau und nicht als kleines Schulmädchen wahrnahm.
„Na bitte, da sind wir uns also doch recht ähnlich.“ Erfreut strahlte er mich an. „Vielleicht begegnen wir uns dann auf unseren Reisen um die Welt.“ Er lächelte verschmitzt. „Ich würde mich darüber sehr freuen …“
Selbst in der Dunkelheit leuchteten seine blauen Augen, und ich verlor mich augenblicklich darin. Unsere Blicke verschmolzen miteinander. Ich konnte seine Sehnsucht erkennen, als er mich an sich zog. Glücklich schloss ich die Augen und genoss seinen ersten sanften, tastenden Kuss. Seine vollen Lippen berührten meinen Mund ganz vorsichtig, als könnten sie noch nicht recht glauben, dass dies wirklich geschah.
„Melanie …“, seufzte er leise und vergrub sein Gesicht in meinen langen schwarzen Haaren. Ich spürte seine kräftigen, warmen Hände an meinem Rücken, als er mich fest an sich drückte. Doch es lag kein lüsternes Begehren in Robins Umarmung, sondern liebevolle Zärtlichkeit.
Vorsichtig löste er sich schließlich ein Stückchen von mir und sah mich ernst an. Er strich eine vorwitzige Strähne aus meinem Gesicht, streichelte mit dem Handrücken sanft über meine Wange und gab mir einen Kuss aufs Haar. „Ich mag deine wunderschönen Haare. Sie duften nach dir …“
Dann zog er mich mit sich auf den warmen Sand. Wir lagen eng beieinander, und ich spürte die Hitze seines Körpers neben mir überdeutlich. Zwischen uns ist nur der Stoff unserer T-Shirts, dachte ich fasziniert.
Mein Kopf ruhte auf seinem muskulösen Arm, als wir den unendlichen Sternenhimmel über uns bestaunten. Wir lagen still nebeneinander, Robins Finger streichelten sanft über meine Haut. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich nie wieder woanders sein wollte, als hier, geborgen in seiner Umarmung.
„Da! Eine Sternschnuppe!“, stieß ich aufgeregt aus. Ich deutete mit ausgestrecktem Arm darauf und blickte ihn freudestrahlend an. „Da, beim Großen Wagen. Hast du sie gesehen?“
„Ja, ich hab sie auch gesehen“, sagte er und lächelte mich an. „Melanie, deine Augen strahlen mit den Sternen um die Wette. Und weißt du was? Sie sind so viel schöner, als jeder Stern.“
Mir blieb die Luft weg. So etwas hatte keiner meiner Schulfreunde je zu mir gesagt. In meinem Bauch begann ein Schwarm Schmetterlinge aufgeregt herumzuwirbeln, und ich spürte augenblicklich, dass ich bis über beide Ohren verliebt war.
„Robin …“, seufzte ich und tauchte mit Haut und Haar in dieses überwältigende Gefühl ein. Dann gab er mir einen langen, leidenschaftlichen Kuss, und ich wünschte mir nur eins: dass diese verzauberte Sommernacht nie zu Ende gehen möge.
In meinem Kopf formten sich unauslöschlich die Worte „für immer“ und „Robin“ …

KAPITEL 1

Zarte Klänge eines rhythmisch geschlagenen Dulcimers, einer Art Zither, erklangen, nachdem sie auf das Wort „Jealousy“ geklickt hatte. Eine sanfte, düstere Melodie schlängelte sich in ihren Kopf.
Sie lauschte fasziniert den unbekannten, eindringlichen Tönen. Ein tiefes, gestrichenes Cello ver-stärkte die dunkle Stimmung. „Jealousy – Eifersucht“. Ja, der Titel passte zur Musik. Neugierig klickte sie den nächsten Song an: „Eternity“. Sphärische Synthesizer-Klänge vermischten sich mit echtem Meeresrauschen. Und plötzlich ertönten Bongo-Trommeln, Kongas kamen dazu, die Percussion wurde immer drängender und steigerte sich zum jäh einsetzenden, hämmernden Rhythmus eines Schlagzeugs, während die sehnsüchtige Melodie im Hintergrund mit den Wellen konkurrierte.
Schlagartig wurde Lea klar, dass die Musik, die sie hörte, tatsächlich von ihm sein musste. Robin! Unfassbar.
Der beleuchtete Monitor war die einzige Lichtquelle in ihrem Arbeitszimmer. Sie seufzte auf und starrte erschüttert in die schwarze Nacht vor ihrem Fenster. Um diese Zeit fuhren nur wenige Autos vorbei. Es war erstaunlich still für eine Großstadt, die eigentlich nie zur Ruhe kam. Ihr Blick wanderte von der Silhouette der hohen Pappeln gegenüber in den dunklen Nachthimmel. Heute war Vollmond, doch schwere Wolken hatten sich davor geschoben.
Die eindringliche Musik, die aus den Lautsprechern ihres Computers erklang, löste starke Empfindungen in ihr aus. Lea wurde überrollt von einer Woge sich widersprechender Gefühle – Begeisterung über ihre unerwartete Entdeckung wechselte sich mit sehr alten, längst vergessen geglaubten Emotionen ab. Trauer um eine ewig lang vergangene Liebe. Nicht irgendeine, sondern die erste große Liebe. Voller Glück und Sehnsucht, aber auch unsäglichem Schmerz.
Lea sah sich das kleine Foto auf der Website genauer an. Das Gesicht darauf konnte sie nur schemenhaft erkennen. Lediglich ein kräftiges Kinn, ein lächelnder Mund, der Schatten von Bartstoppeln. Die von einer schwachen Lichtquelle, vielleicht einer Kerze, beleuchtete Hälfte dieses Gesichts war ihr zugewandt, die andere im Dunkel verborgen. In dem undeutlichen Porträt eines reifen Mannes konnte sie nichts entdecken, was sie an das Bild des jungen Robin erinnerte, das sie noch immer deutlich im Kopf hatte.
Doch über dem Foto stand sein Name: „Robin Eavens“ und daneben „Nottingham, Midlands, United Kingdom“.
Nottingham. Dort hatte er damals gelebt, als sie sich kennengelernt hatten. Das schien in einem anderen Leben gewesen zu sein. Doch sie hatte diese Begegnung nie vergessen. Tief in ihrem Herzen hatte Lea die Erinnerung an ihn immer mit sich herumgetragen. Nicht bewusst, aber von Zeit zu Zeit hatten sich Bilder in ihren Alltag eingeschmuggelt. Romantische Bilder. Die tauchten nun nach und nach vor ihrem inneren Auge auf und verschmolzen mit der sehnsuchtsvollen Musik, die sie da hörte.
Hatte sie ihn tatsächlich wiedergefunden? Nach all den Jahren …
Was jetzt? Sollte sie ihm eine Nachricht schicken? Aber wahrscheinlich erinnerte er sich überhaupt nicht an sie.
Wie lange war das alles eigentlich her?
Fast dreißig Jahre! Mein Gott!
Sie war damals erst sechzehn und er einundzwanzig … Für ihn war sie vermutlich nur eine längst vergessene Urlaubsbekanntschaft gewesen. Aber für Lea war es die erste große Liebe, ihr erster Mann. Der, den man nicht vergisst. Niemals.
Sie warf alle Bedenken über Bord. Egal, wie und ob er reagierte – sie hatte ihn ihr Leben lang vermisst, jetzt wollte sie ihm das wenigstens sagen, es einmal loswerden.
Sie klickte auf seiner Website auf „Kontakt“ und füllte das Formular aus. Dann blätterte sie in dem alten Album, das noch auf ihrem Schreibtisch lag. Als sie fand, wonach sie gesucht hatte, musste sie schlucken – ein stark vergilbtes Foto, das sie und Robin als frisch verliebtes Paar zeigte. Wenn er sich auch nicht an ihren Namen erinnerte, vielleicht weckte dies Bild bei ihm Erinnerungen an eine lang vergangene Zeit. Sie scannte das Foto ein und hängte noch ein aktuelles Porträt von sich an die Mail. Dann begann sie zu schreiben.

Unglaublich – Du musst es sein!
Es kommt mir vor, als wäre es in einem anderen Leben gewesen, denn es ist ewig her, dass wir uns in Frankreich begegnet sind. Ein heißer Sommer im Süden … Aber ich erinnere mich noch immer so deutlich daran. Ich war süße 16 damals. Ich bin Melanie aus Oldenburg, Deutschland. Erste große Liebe, viele Briefe, Liebe und Tränen … Du hast mich im Herbst in Oldenburg besucht. Es wurde schon kälter, bevor Du wieder abgereist bist.
Heute Nachmittag fielen mir beim Aufräumen alte Jugendfotos in die Hand. Darunter auch die wenigen, die mir von unserem Sommer in Perpignan geblieben sind.
Ich fragte mich, was aus Dir wohl geworden sein mag. Schließlich habe ich heute Nacht einfach mal Deinen Namen gegoogelt – und dabei Deine Website gefunden. Dann hörte ich Deine Songs, und all die Erinnerungen kamen augenblicklich wieder hoch.
Ich lebe inzwischen in Berlin, bin verheiratet und versuche mich als Landschaftsfotografin. Morgen Abend habe ich meine erste Vernissage – alles sehr aufregend.
Also, falls Du Dich an das schwarzhaarige Mädchen dieses besonderen Sommers erinnern kannst – melde Dich bei mir. Ich würde wirklich gerne wissen, wie Dein Leben verlaufen ist und Dir erzählen, was ich so gemacht habe und mache.
Alles Liebe von
Lea (Melanie) aus Berlin

Bevor sie es sich wieder anders überlegen konnte, drückte Lea entschlossen auf „Senden“ und schickte die Nachricht ab.
Unsicher, ob sie gerade den größten Fehler ihres Lebens oder das einzig Richtige getan hatte, blickte sie wieder aus dem Fenster. Der Vollmond hatte sich mittlerweile zwischen den Wolken hervorgekämpft und schien sie milde anzulächeln.