bibo Loebnau - Schorsch Clooney, die Landluft und ich

Verfügbare Formate

eBook

Verlagbooks2read
ErschienenMai 2014
ASINB00IZAEXDW
Seitenanzahl323
Preis6,99 €

Inhaltsangabe

Es pfeift! Keineswegs anerkennend hinter ihr her, sondern schrill in Inas linkem Ohr: stressbedingter Hörsturz. Die Klatschreporterin muss dringend raus aus dem Moloch Berlin samt Promis und Premieren und rein in die Pampa - nach Bienensee in der Mark Brandenburg. Doch dort lauern nie gekannte ländliche Herausforderungen: wortkarge Traktorfahrer, übermütige Bernhardiner und stechwütige Mücken. Wie soll Ina denn da Ruhe finden? Und wie eine neue Skandalstory, mit der sie ihre Rivalin in Berlin in die Schranken weisen kann? Als Silberstreif am märkischen Horizont taucht plötzlich der vermeintlich schwule Popsänger Patrick Holmes inkognito in Bienensee auf - und dann betritt auch noch Schauspieler und Frauenliebling George C. auf der Suche nach einem Drehort die dörfliche Bäckerei …

"Ein wunderbarer Roman, der süchtig macht." Hape Kerkeling, stern.de

Leseprobe

Das Krächzen der Krähen, die sich hoch oben in den Kiefern beschimpften, war das erste Geräusch, das sie wieder klar und deutlich wahrnahm. Mit einer Mischung aus Unbehagen und Genugtuung legte Ina den Kopf in den Nacken und beobachtete in den Baumwipfeln drei der großen Rabenvögel, die mit heftig schlagenden Flügeln um den Vorrang auf einem armdicken, knorrigen Ast stritten und dabei einen ohrenbetäubenden Lärm veranstalteten. Das Gezeter drang mit einem Schlag in ihren Kopf. Es dauerte einen winzigen Moment lang, bis sie realisierte, was die unangenehmen Laute, die sie scharf und unverschleiert vernahm, zu bedeuten hatten – sie konnte mit dem linken Ohr wieder hören! Das großartige Gefühl, endlich keinen dämpfenden Wattepfropfen mehr im Gehörgang zu haben, wurde durch das Geräusch selber aber sofort wieder getrübt. Ausgerechnet zeternde Vögel. Hätte es nicht auch der melodische Gesang des schwarzen Amselmännchens, das gestern sein abendliches Lied auf der alten Antenne über ihrem Holzhäuschen geschmettert hatte, sein können? Das harmonische Geträller, das sie mehr erahnt, als tatsächlich gehört hatte? Natürlich war es nun dieses unangenehme Krächzen, das ihre Freude über die wiedererlangte Hörkraft trüben musste.
Sie rief sich zur Ordnung. Es war so typisch für sie. Warum musste sie immer zuerst das Haar in der Suppe suchen und finden, noch bevor sie sich richtig freuen konnte? Na, wahrscheinlich, weil es da war, das Haar, dachte sie trotzig. Aber damit sollte jetzt ein für allemal Schluss sein. Das hatte sie sich fest vorgenommen, für den Fall, dass die Symptome ihres Hörsturzes irgendwann wieder verschwinden sollten. Ina riss sich zusammen und versuchte zu lächeln, nur um im selben Moment genervt die Augen zu verdrehen, weil nun die unvermeidliche Kreissäge von Bauer Herbert nebenan einsetzte. Das mit dem ruhigen Landleben hatte sie sich irgendwie anders vorgestellt, als sie vor ein paar Wochen nach Bienensee gekommen war.

Es hatte sie abends um halb elf erwischt. Sie war gerade dabei, einen Artikel über den deutschen Schauspieler zu schreiben, der eine Hauptrolle in dem neuen Hollywoodfilm spielte. Die Premiere war glanzvoll gewesen, und als Chefreporterin des auflagenstärksten People-Magazins hatte Ina Frinks natürlich ein Exklusivinterview mit den Hauptdarstellern bekommen. Sie wurde bevorzugt behandelt, denn ihre publizierte Meinung zum Film wirkte sich an den Kinokassen aus. Ina genoss die Privilegien, sie waren schon lange selbstverständlich für sie. Sie gehörte einfach dazu, war Teil der großen Showbusiness-Maschinerie. Dennoch bemühte sie sich um Objektivität in ihren Artikeln und fand deutliche Worte, wenn ihr etwas nicht passte. Dabei hatte sie allerdings immer die Meinung ihrer zumeist weiblichen Leser als eine Art Selbstzensur im Kopf. Wenn ein Star beliebt war, gab es keinen Grund, ihn runterzuschreiben, auch wenn er seine Rolle im neuen Film nicht besonders gut gespielt hatte. Dann war eben der Regisseur schuld, und der Star strahlte weiter.
Es sei denn, ein Promi betrog seine Frau und ließ sich dabei erwischen. In dem Fall war es mit dem Verständnis oder Hofieren vorbei. Für eine saftige Enthüllungsstory hätte Ina ihren rechten Arm gegeben. Oder nein, besser ein Bein, denn den Arm brauchte sie ja noch zum Schreiben. Als ihre Finger über die Tastatur des Computers sausten, musste sie unwillkürlich grinsen. Während sich die Story über den deutschen Schauspieler unter ihren Händen zu einer wahren Hymne entwickelte, schlummerten gleichzeitig ein paar Notizen und Fotos in einer unscheinbaren Datei in ihrem Laptop, die dem Star sicher ein paar schlaflose Nächte bereitet hätten, hätte er davon gewusst. Ein Fehltritt mit Folgen. Jedenfalls behauptete das seine Exfreundin. Noch war die Story nicht lückenlos recherchiert, aber Ina konnte warten. Bis dahin pflegte sie weiter das makellose Bild des Aufsteigers aus bescheidenen Verhältnissen, der es bis nach Hollywood geschafft hatte und dabei so normal und bescheiden geblieben war, wie ihre Leserinnen es mochten.
Ina tippte und tippte, bis ein plötzliches Pfeifen im linken Ohr sie zusammenzucken ließ. Sie schüttelte den Kopf, doch der Ton ließ nicht nach. Verwirrt sah sie sich nach der Quelle des unangenehmen Geräusches um, bemerkte aber schnell, dass es nicht von außen kam, sondern in ihrem Ohr war. Ihre Hände griffen nach der Schreibtischplatte, als ein Schwindelgefühl sie auf ihrem weißen Lederschreibtischstuhl leicht schwanken ließ. Die Buchstaben auf dem beleuchteten Monitor begannen vor ihren Augen zu tanzen, und ihr wurde schlecht. Ihr Kopf fühlte sich an wie in Watte gepackt. Ina versuchte, ruhig zu atmen, doch eine leichte Panik erfasste sie. Was war mit ihr los? Wahrscheinlich ihr hoher Blutdruck. Ja, das Rauschen in ihrem Kopf war sicher das Blut, das auf Hochtouren durch ihre Adern sauste. Das kannte sie seit Jahren, Dauerstress und seine Folgen gehörten einfach zu ihrem Leben dazu. Aber dieses Gefühl war irgendwie anders. Wann hatte sie eigentlich zuletzt etwas gegessen? Das alberne Fingerfood nach der Premiere war zwar köstlich, aber wenig nahrhaft gewesen. Sie sollte zukünftig auf eine regelmäßigere Ernährung achten – auch auf die Gefahr hin, dass sie dann irgendwann nicht mehr in die schicken, engen Kleider der namhaften Designer passte, die sie so gerne trug. Der Hunger allein konnte aber nicht der Auslöser für das schrille Piepsen in ihrem Ohr und das Schwindelgefühl sein. Vielleicht ein Herzinfarkt? Sie spürte etwaigen Schmerzen in Arm und Brust nach. Da war nichts. Und sowieso, in ihrem Alter? Entrüstet verwarf sie den Gedanken gleich wieder. Aber warum hörte dieses lästige Pfeifen nicht auf? Mit Daumen und Zeigefinger hielt sie sich die Nase zu und versuchte, wie bei der Landung im Flugzeug, Luft in ihre Ohren zu pressen, um den Unterdruck loszuwerden. Ohne Erfolg. Ihr Körper pfiff ihr was.