Tanja Bern - Sterne der See

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Taschenbuch

VerlagKopfKino Verlag
ISBN-103981698746
Seitenanzahl116
Preis6,95 €

eBook

VerlagKopfKino Verlag
ErschienenAugust 2015
ASINB014RNO5D8
Preis1,99 €

Hörbuch

VerlagKopfKino Verlag
ISBN-101
ISBN-131
Preis5,95 €

Inhaltsangabe

Ben verliert seine Schwester Kristin an den Krebs. Vor ihrem Tod hatte sie für ihn einen Urlaub in ihrem geliebten Irland gebucht, weil sie ahnte, dass Ben dort zu sich selbst finden könne. Obwohl er keinen Bezug zu Irland hat, lässt er sich darauf ein und fährt nach Kerry. Dort begegnet er der Irin Hanna, zu der er sich sofort hingezogen fühlt. Aber sie verbirgt ein Geheimnis und hält Ben einerseits etwas auf Abstand, sucht aber andererseits auch seine Nähe. Ben verliebt sich in dieses wildromantische Land und verliert an Hanna sein Herz. Dann wird sie plötzlich vermisst, und Ben setzt alles daran sie zu finden ...

Leseprobe

VERLORENER KAMPF

Ben wagte es kaum, in Kristins müde Augen zu sehen. Diese verdammte Krankheit wischte jeden Glanz aus ihrem Blick. Das fand er viel schlimmer als den Verlust ihres wunderschönen Haares.
Er griff nach Kristins Hand und wusste nicht genau, ob er damit versuchte, ihr Trost zu spenden, oder ob er diesen bei ihr suchte. Seine Schwester war immer die Stärkere gewesen, schon von Kind an. Sie hatte ihn auf sanfte Weise geführt, ihn bedingungslos verteidigt und stets zum Lachen gebracht. Doch während der letzten zwei Jahre raubte der Krebs ihr jegliche Kraft, verzehrte sie von innen, und Ben musste es mit ansehen.
„Hat Mama die Unterlagen weggeschickt?“, fragte sie mit brüchiger Stimme.
„Ja, hat sie. Mach dir darüber keine Sorgen. Wenn du hier wieder raus bist, ist die Bestätigung sicher schon da.“
Kristin lachte rau.
„Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass du fährst.“
„Ich? Soll ich mit nach Irland, oder wie meinst du das?“
„Ben … du weißt, was der Arzt gesagt hat.“
„Ach, die haben dir schon so oft den …“
Sie unterbrach ihn, indem sie seine Hand drückte. Er sollte das Wort nicht in den Mund nehmen.
… Tod prophezeit, dachte er den Satz zu Ende.
Schon zweimal hatte sie erbittert dagegen angekämpft! Für einen Moment schloss Kristin die Augen, und Ben starrte auf die Infusionsflasche, die durch einen dünnen Schlauch mit ihrem Arm verbunden war. Kristin lallte ein wenig, und er fragte sich, ob sie nur einen Flüssigkeitsausgleich bekam oder wieder Schmerzmittel. Er linste auf das Etikett und schluckte die aufkeimenden Empfindungen herunter. Es war ein Opiat.
„Was ist dieses Mal anders, Kristin?“, fragte er mit dunkler Stimme.
Ihre Hand hob sich und strich leicht über seine unrasierte Wange.
„Ach Ben, das weißt du nicht ..?“
Er wollte nicht verstehen, was sie andeutete.
Ich brauche dich!, wollte er ihr zurufen, aber ihm blieben die Worte im Hals stecken. Hier ging es nicht um ihn, und er hatte nicht das Recht, etwas von ihr zu verlangen.
„Fahr du für mich.“
„Kristin, ich fahre doch nicht in den Urlaub, wenn es dir so schlecht geht.“
Ihr Blick versetzte ihm einen Stich ins Herz, so als hätte ihn dort ein winziger Pfeil getroffen.
„Ich hab dich lieb, Ben“, flüsterte sie. Ihn durchfuhr ein Schauer.
„Hey, Kleines, fang nicht an, dich zu verabschieden. Du schaffst diese blöde Chemo auch dieses Mal.“
Kristin schüttelte den Kopf.
„Sie haben sie abgesetzt.“
„Was?!“
„Ben, kannst du mir einen Gefallen tun?“
Er nickte nur, denn ihre Aussage hatte ihn sprachlos gemacht.
„Ich würde so gerne einen Kaffee aus der Cafeteria trinken. Diese Brühe hier auf der Station ist furchtbar.“
„Ich hol dir einen. Bin gleich wieder da.“
Ben wandte sich zum Gehen, doch ein ungutes Gefühl hielt ihn zurück. Er drehte sich wieder um, küsste Kristin zart auf die Wange und wisperte:
„Ich hab dich auch lieb, Schwesterchen.“
Ihr Lächeln erwärmte sein Herz und schenkte ihm trotz aller dunklen Prognosen einen Hauch von Hoffnung. Dann ging er rasch durch die hellen Flure, stieg in den Aufzug und fuhr hinunter ins Erdgeschoss, in dem sich das Café des Krankenhauses befand. Vor der Theke hatte sich eine Schlange gebildet, und er stellte sich hinten an. Nervös begann er, mit den Knöpfen seines Hemdes zu spielen. Einen drehte er so lange, bis er sich von den Fäden löste und aus seinen Fingern rutschte. Der Knopf hüpfte über den Boden und rollte fort.
„Verflixt!“, raunte er, krabbelte unter einen Tisch, an dem glücklicherweise niemand saß, und langte nach dem Knopf. Erneut wollte er sich in die Warteschlange reihen, doch seine Lücke hatte sich inzwischen geschlossen. Man ließ ihn nicht mehr hinein. Innerlich verfluchte er diese sturen Menschen und stellte sich notgedrungen wieder ans Ende. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit endlich an der Reihe war, musste neuer Kaffee gekocht werden, und er wartete ungeduldig, bis die Maschine endlich durchgelaufen war.
Unruhe überfiel ihn. Er wollte zurück zu Kristin! Alles schien sich gegen ihn verschworen zu haben. Ben verdrängte diesen Gedanken, nahm die beiden Tassen und balancierte sie zum Aufzug.
Zurück in Kristins Zimmer stellte er die Becher auf dem kleinen Tisch ab und sah zu seiner Schwester. Sie war eingeschlafen. Sollte er sie wecken? Kristin hasste lauwarmen Kaffee. Besorgt betrachtete Ben ihre schlafende Gestalt. Ihr Gesicht wirkte friedlich und entspannt. So sah sie noch zerbrechlicher aus als sonst. Das flüssige Opiat tröpfelte unbeirrt weiter, und er hoffte, dass es ihr wirklich die Schmerzen nahm.
Dann stutzte er.
Sein Herz begann zu rasen.
Atmete sie nicht mehr?
„Kristin?“
Sanft fasste Ben sie an der Schulter.
„Hey, Kleines!“
Kristin reagierte nicht. Und das Gefühl, das er stets für sie empfunden hatte, wenn sie in seiner Gegenwart weilte, war verschwunden. Jetzt empfand er nur eine seltsame Leere. Eine Leere, die er noch nicht fassen konnte. Unbeholfen fühlte er ihren Puls und fand ihn nicht.
Ben stürzte aus dem Raum und rannte zum Schwesternzimmer.
„Meine Schwester atmet nicht mehr! Kommen Sie schnell!“
Die Stationsschwester schaute ihn an, und für einen kurzen Moment lag ein alarmierter Ausdruck in ihrem Blick. Dann aber reagierte sie völlig anders als Ben erwartet hatte. Ganz ruhig kam sie auf ihn zu und legte ihm tröstend ihre Hand auf seinen Arm.
Aufgebracht schüttelte er sie ab.
„Meine Schwester ..!“
„Herr Evers ...“, unterbrach sie ihn.
„Ihre Schwester lag im Sterben.“
„Aber Sie müssen doch …“
„Ich komme, aber ich kann nichts mehr für sie tun. Es tut mir sehr leid.“
Sie schlurfte mit ihren Gesundheitsschuhen in die Onkologie. Ben blieb verstört zurück.
… nichts mehr für sie tun.
Eine innere Stimme flüsterte: Kristin ist tot.
Begreifen konnte Ben das nicht. Eine unbändige Wut stieg plötzlich wie brodelnde Lava in ihm hoch. „Nur wegen diesem Kaffee!“, zischte er und trat gegen einen der Besucherstühle.
Eine der anderen Schwestern sagte etwas zu ihm, aber er hörte sie nicht richtig. Alles drang nur noch wie durch Watte zu ihm durch. Dann spürte er Feuchtigkeit auf seinen Wangen. Unwirsch fuhr er sich über die Augen und lief zurück zum Krankenzimmer. Die Schwester hatte die Nadel aus Kristins Arm entfernt und deckte ihr Gesicht mit dem Laken zu. Diese Geste war so endgültig, dass etwas in Ben zerbrach.
„Soll ich Ihre Eltern benachrichtigen, oder möchten Sie das selbst tun?“
Ben reagierte nicht, er konnte es nicht.
Sein Blick blieb starr auf Kristins zierlicher Gestalt haften, die sich unter der weißen Decke abzeichnete.
„Herr Evers?“
„Ich …“
Wieder verschleierten Tränen seine Sicht, und er musste blinzeln.
„Ist alles in Ordnung, Herr Evers?“
Er schüttelte den Kopf und stürmte aus dem Raum. Nur fort von hier! Er ließ den Aufzug hinter sich, rannte in das Treppenhaus und hastete die Stufen herunter.


Ben registrierte, dass er auf dem Parkplatz stand, der zu jenem kleinen See gehörte, an dem Kristin und er in all den vergangenen Jahren so viele schöne Stunden verbracht hatten.
Wie war er hierher gekommen?
Er konnte sich kaum daran erinnern, wie er zu seinem Wagen gelangt war, geschweige denn zum See. Fahrig wischte er sich über das Gesicht. Sein Handy klingelte, doch er ignorierte es.
Was wollte er hier?
Abschied nehmen, dachte er und kämpfte gegen die Trauer an, die ihn mit all ihrer Macht zu überwältigen drohte. Er sah sich um. Kein Auto parkte heute hier. Das Wetter machte jedem Ausflug einen Strich durch die Rechnung. Feiner Sprühregen benetzte die Umgebung und hinterließ überall winzige Wassertropfen, die wie Perlen schimmerten.
Nachdem Ben ausgestiegen war, lief er durch die Feuchtigkeit zu dem kleinen Pfad, der zu dem Badeweiher führte. Niedrig gewachsene Eichen umgaben den Weg. Ihre knorrigen Äste neigten sich weit hinunter, so als wollten sie prüfen, wer dort zu ihrem See spazierte. Den Kragen seiner Weste schlug er hoch, den Blick senkte er zum moosigen Boden. Der kleine Weiher kam in Sicht, und Ben verharrte für einen Augenblick, schaute auf das Wasser. Sachte schwappten die Wellen an das sandige Ufer. Wind wehte durch die Eichenzweige, und das Schilfgras am anderen Ufer wiegte sich leicht hin und her.
Ben versank in Erinnerungen.
Wie oft hatten sie hier mit ihren Freunden am Weiher gesessen? Schon als Kinder nutzten sie dieses Gebiet als Abenteuerspielplatz. Später war es ein Treffpunkt für viele Aktivitäten. Vor seinem inneren Auge sah er Kristins flatternde blonde Zöpfe, hörte ihr ansteckendes Lachen, das immer über den ganzen See hallte.
Nun war sie fort, und er stand allein im Regen am Weiher und wagte sich kaum zum Wasser, weil er fürchtete, den Zauber der Vergangenheit zu brechen.
Kälte überfiel ihn, die wie Eis in seine Seele drang. Immer wieder stiegen Tränen in ihm auf, die Ben jedes Mal unterdrückte und nicht an sich heran ließ. Eine Familie Wildgänse kam aus dem Wasser und steuerte neugierig auf ihn zu.
„Ich habe nichts“, flüsterte er.
Ein trauriges Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Kristin hatte immer etwas altes Brot in ihrer Tasche gehabt. Ob die Gänse sich daran erinnerten? Ob sie wussten, dass Kristin zu ihm gehörte?
Schließlich lief er doch zum Strand und setzte sich in den nassen Sand, den man vor langer Zeit hier für die Kinder der Umgebung aufgeschüttet hatte. Die Gänse schnatterten und zupften am Gras, interessierten sich nicht mehr für ihn. Feine Regentropfen hüpften auf dem Wasser des Weihers und verzierten ihn mit allerlei Mustern.
Ben zog die Knie an, legte den Kopf darauf und versuchte, an gar nichts zu denken. Er ignorierte die Nässe, die durch seine Kleidung kroch und ihn frösteln ließ. Er wollte nur den Schmerz vertreiben, der in seiner Seele brannte.


ABSCHIED

Kristins Wohnungstür wirkte so vertraut …
Ben blieb mit dem Schlüssel in der Hand davor stehen und stellte sich vor, dass Kristin jeden Moment öffnete und ihn mit ihrem einnehmenden Lachen hereinbat. Er schloss die Augen.
Ihr Haar duftete immer nach Pfirsich-Shampoo. In der Wohnung strahlte die Sonne durch die hohen Fenster und verwandelte die Räume mit den vielen Pflanzen in eine Oase. Die Wellensittiche zwitscherten, im CD-Player lief Celtic Music …
Abrupt riss sich Ben aus seinen Erinnerungen und schloss die Tür auf. Die Vögel lebten schon länger bei Mutter. Die Wohnung war so still wie nie zuvor. Apricotfarbene Vorhänge sperrten die Sonne aus, und die Erde der Blumen vertrocknete zusehends. Die Post legte Ben auf den Tisch, dann holte er eine Gießkanne. Kristin hätte nicht gewollt, dass er ihre Pflanzen eingehen ließ. Sorgsam goss er die Orchideen, Grünlilien und kleinen Palmen, die überall auf den Fensterbänken standen. Nächste Woche würden sie die Wohnung auflösen und Ben wusste, dass seine Mutter auch die Pflanzen auf Freunde und Verwandte verteilen würde.
War die Beerdigung wirklich schon drei Tage her? Den Verlust Kristins konnte Ben noch immer nicht fassen. Die Tage seit ihrem Tod erschienen ihm wie ein Albtraum. Es fühlte sich an, als hätte man ihm einen Teil seiner Seele entrissen. Als Zwilling hatte Kristin von Mutterleib an zu ihm gehört. Er war nie lange von ihr getrennt gewesen, nur die Reisen nach Irland hatte er nicht mit ihr geteilt.
Nun fühlte sich alles anders an.
Mit einem Seufzen setzte er sich an den Tisch und sah die Papiere durch. Bei einem großen Umschlag stutzte er. War dies die Bestätigung für das Cottage? Für einen Moment saß er wieder mit Kristin in der Küche …

„Ben, es ist so wunderschön dort!“
„Du bist verrückt, Kleines!“ Ben lachte leise.
„Bist du dann nicht im Krankenhaus? Da ist doch deine Chemo, oder?“
Kristin winkte ab.
„Ach, die hab ich dann hinter mir. Dann kann ich mich endlich erholen.“
Er beobachtete, wie sie sich unbewusst über den kahlen Kopf strich. In seiner Gegenwart brauchte sie keine Perücke.
„Sieh mal!“
Kristin hielt ihm einen Ausdruck hin. Auf dem Bild war ein kleines Cottage in Irland abgebildet. Eingefasst von einem roten Zaun und einer Hecke lag es hinter einem begrünten Vorgarten. Vor dem weiß gestrichenen Haus lud eine Bank zum Verweilen ein. Tür und Fensterrahmen waren ebenfalls rot lackiert und gaben dem Gebäude einen Farbtupfer.
„Ich würde sagen, das ist absolut klischeehaft. Genau so würde ich mir wohl ein Haus in Irland vorstellen“, sagte er belustigt.
Kristin zog einen Schmollmund.
„Klischeehaft? Du bist doof, Ben.“
Er griff nach ihrer Hand. „Lass dich von deinem großen Bruder nicht ärgern.“
Sie grinste und schüttelte den Kopf. Er wusste, dass sie sich über den ›großen Bruder‹ amüsierte, denn eigentlich war sie zehn Minuten älter.
Trotzdem sagte sie nichts, da er einen halben Kopf größer war als sie.
„Und wo liegt dieses Häuschen?“
„In Farranfore, ganz in der Nähe vom Ring of Kerry“, antwortete Kristin. „Es ist auch gar nicht so weit vom Meer entfernt. Man ist mit dem Auto rasch an der Tralee Bay.“
Wahrscheinlich liegt es am Arsch der Welt, dachte er, doch er sagte nichts und genoss ihre Freude. Kristin goss ihnen Kaffee ein und erzählte ihm von der Umgebung. Sie fuhr nun das fünfte Mal dorthin. Bisher hatte es ihn nicht sonderlich interessiert, aber sie sprühte so vor Begeisterung. Sie schien wirklich eine irische Seele zu haben. Jedes Jahr zog es sie erneut auf die smaragdgrüne Insel. Und jedes Jahr wuchs ihre Liebe zu diesem Land.

Ein leises Schluchzen entrang sich ihm, und Ben unterdrückte rasch jedes Gefühl. Er ertrug es nicht. Kristin würde Irland nie wiedersehen. Ihr Wunsch, wieder nach Farranfore zu fahren, blieb unerfüllt. Fahr du für mich, hatte sie gesagt.
Er öffnete den Umschlag und fand wie erwartet die Bestätigung für das Haus, das sie für drei Wochen gebucht hatte. Plötzlich stutzte er.
Auf den Unterlagen stand sein Name.
Verwirrt las er die Papiere durch. Kristin hatte das Haus gar nicht für sich gebucht, sondern für ihn. Ein weiteres Mal blinzelte er die Tränen weg und versuchte, diese Erkenntnis zu verarbeiten. Sein Blick wanderte zu ihrer Kommode, auf der ein Brief mit seinem Namen lag. Bisher hatte er es nicht gewagt, ihn zu öffnen. Nun aber raffte er sich auf und nahm den Umschlag an sich. Es war kein Abschiedsbrief. Sie hatte ihm eine Route für Irland ausgearbeitet. Zu jeder Sehenswürdigkeit stand ein kleiner Tipp oder Spruch von ihr. Ben sog jedes Detail in sich auf, registrierte, wie viel Arbeit und Liebe sich in diesen Ausdrucken fand.
„So viel Urlaub bekomme ich nie“, murmelte er resigniert. Versuchen würde er es trotzdem.
Wenn das Kristins Wunsch gewesen war, dann würde er alles daran setzen, ihr wenigstens den zu erfüllen. Seine Hand fuhr zu dem kleinen Amulett, das er seit der Beerdigung trug. Eine Prise ihrer Asche befand sich darin verborgen. Er hatte sie unbemerkt der Urne entnehmen können. So würde er Kristin wenigstens auf eine gewisse Art mit nach Irland nehmen.
Als er an den morgigen Tag dachte, durchfuhr ihn ein unangenehmes Gefühl. Seinem Chef schien er nie gut genug zu sein, zu seinen Kollegen fand er auch keinen Zugang, und niemanden kümmerte es, dass er seine Schwester verloren hatte. Er hasste seine Firma, und sein Leben lag wie zersplittertes Glas vor ihm.


„Sie können keine drei Wochen Urlaub nehmen und schon gar nicht so kurzfristig. Was denken Sie sich?“
„Herr Gercke, ich habe seit fast 11 Monaten keinen Urlaub mehr gehabt und angesichts meiner Überstunden könnte ich wohl doppelt so viel Freizeit nehmen.“
Sein Chef schaute ihn mit gerunzelter Stirn an.
„Herr Evers, wenn Sie Ihr Pensum nicht schaffen und die Projekte liegen bleiben, ist das nicht mein Problem. Zudem kommt die fehlerhafte Programmierung von …“
Ben unterbrach seinen Vorgesetzten, und seine Stimme zitterte vor Aufregung.
„Ich hatte Ihnen von Anfang an gesagt, dass die Grundstruktur falsch ist und so nicht aufgebaut werden kann, aber Sie wollten nicht zuhören, und der Kunde hat darauf bestanden.“
„Dann hätten Sie den Kunden umstimmen müssen.“
„Das habe ich versucht!“
„Wann?“
„Bei den Verhandlungen.“
„Und wie?“
„Natürlich per Telefon.“
„Tja, wenn das Telefonat nicht aufgezeichnet wurde, können wir das nicht beweisen, und der Kunde gibt uns die Schuld.“
Und ich muss es ausbaden!, dachte Ben erbost.
„Aber darum geht es hier doch gar nicht.“
Gercke lachte leise.
„Stimmt, es geht um Ihren wichtigen Urlaub.“
Der ironische Tonfall jagte Ben einen Schauer über die Haut.
„Es war der letzte Wunsch meiner Schwester, Herr Gercke. Bitte! Ich kann die Sachen auch mitnehmen und von dort weiterarbeiten.“
„Herr Evers, Ihre privaten Angelegenheiten interessieren mich nicht. Sie hatten die Ihnen zugestandenen Trauertage, jetzt reißen Sie sich zusammen und fahren mit der Arbeit fort. Der Wunsch Ihrer Schwester ist belanglos, sie ist tot und hat nichts mehr davon. Aber unser Kunde wartet.“
Ben starrte ihn fassungslos an. Für einen Augenblick war er wie gelähmt. Die Worte seines Arztes hallten in ihm nach: Ben, wenn du so weiter machst, muss ich dich wegen eines Burnouts krankschreiben. Tritt etwas kürzer!
Das war vor drei Monaten gewesen. Er hatte sich verantwortlich für das Projekt gefühlt, hatte es mit einem guten Gewissen beenden wollen. Also hatte er die Worte des Mediziners und mit ihnen auch den Schrei seiner Seele ignoriert. In diesem Augenblick jedoch brach etwas in ihm auf. Purer Zorn loderte wie eine Stichflamme in ihm empor.
„Sie sind ein gefühlloses Arschloch“, sagte er ungewöhnlich ruhig, drehte sich um und verließ das Gebäude, in dem er seit fünf Jahren arbeitete.
Zu Hause starrte er in den Spiegel. Die grauen Augen seiner Schwester sahen ihm entgegen, und nur seine aufsteigenden Tränen brachten einen gewissen Glanz in sie. Ben tauchte den Kopf unter kaltes Wasser, hangelte nach einem Handtuch und trocknete sich das kurze blonde Haar. Das Handy klingelte. Er zog es aus der Hosentasche und warf einen Blick darauf. Es war sein Chef.
„Leck mich!“, zischte er.
Das Smartphone landete auf der Toilette, und Ben rutschte an der Wand entlang auf den Boden. Minutenlang regte er sich nicht. Seine Schwester hatte ihm stets aus diesen Tiefs wieder heraus geholfen, nun wäre er ihr am liebsten gefolgt. Unbewusst kratzte er mit seinem Daumennagel an der Innenseite seines Handgelenks. Erst als er Blut unter dem Nagel gewahrte, ließ er davon ab. Die zitternden Hände sanken in seinen Schoß.
Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass du fährst, flüsterte seine Schwester in seiner Erinnerung.
Das Bild des kleinen Cottage kam ihm in den Sinn. Seine Finger verkrampften sich um das Amulett, in dem sich ein winziger Teil von Kristin befand. Sie hatte es ihm prophezeit. Die Firma zerstört dich, Ben! Wie oft hatte Kristin ihm das gesagt? Und er war zu feige gewesen, sein Leben neu auszurichten. Er ließ sich lieber quälen, statt einen Neuanfang zu wagen. Warum eigentlich?

Ben raffte sich auf und setzte sich ins Wohnzimmer auf das Sofa. Auch dieser Raum war mit Erinnerungen gefüllt. Kristin hatte mit ihm die Wände neu tapeziert, die Vorhänge genäht, die Couch mit ihm ausgesucht.
„Du hast sogar meinen Urlaub geplant.“
Ein Lächeln hellte sein trauriges Gesicht auf.
„Und dafür liebe ich dich, Kristin.“