Gabriele von Braun - Sendepause

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Taschenbuch

VerlagBastei Lübbe
ErschienenJanuar 2012
ISBN-139783404166169
Seitenanzahl366
Preis8,99 €

eBook

VerlagBastei Lübbe
ErschienenJanuar 2012
ASINB006G3L1VM
Seitenanzahl368
Preis7,49 €

Inhaltsangabe

Eines verkaterten Morgens wird Pia klar, dass sie etwas ändern muss - und zwar ihr Leben. Das besteht nämlich nur noch darin, als Chefredakteurin einen Fernsehsender zu leiten. Privatleben? Fehlanzeige.
Dabei sehnt sie sich nach so viel mehr! Höchste Zeit also für einen Neustart: Pia reist an die Côte d'Azur, spürt endlich wieder das Leben und trifft Richard, der ihr zeigt, wie schön dieses Gefühl namens Liebe sein kann. Doch prompt droht sie ihn wieder zu verlieren. Und dann geschieht auch noch etwas, womit Pia nie gerechnet hätte ...

Leseprobe

Ich werfe den Kopf vor und zurück, von einer Seite zur
anderen, hoch und runter. Immer wieder. Wenn ich die Augen
öffne, existiert die Welt, wie ich sie bisher kannte, nicht
mehr. Alles um mich herum hat sich in eine wild
umherwirbelnde Masse verwandelt und sortiert sich gerade neu.
Wie sehr ich diesen Augenblick genieße!
„And I’ll survive, I will survive, hey, hey“, schreie ich so
laut, dass es in der Kehle kratzt. Absoluter Kontroll- und
Taktverlust. Danke, Gloria, du gibst mir die Energie, um mein
Leben da draußen für einen Moment hinter mir zu lassen. „It
took all the strength I had not to fall apart ...” Oh ja! Die
abgenudelte Hymne tut mir genauso gut wie hin und wieder
ausreichend Schlaf oder ein saftiges Steak.
Und nein: Ich verausgabe mich hier keineswegs auf einer
miesen After-Work-Party, sondern labe mich an einer
einzigartigen Kraftquelle. Verdammt, mein Überlebens-
Freestyle wird abrupt von The Clash unterbrochen: „Should I
stay or should I go?” Wenn ich das nur wüsste!
Erhitzt lande ich wieder in der Realität, verlasse die
Tanzfläche und reiße Klaus meinen Mojito aus der Hand. Klaus
Benninger ist der Geschäftsführer von W-TV, dem
Fernsehsender, bei dem ich arbeite. Ich, Pia Freitag,
gesegnet mit Qualifikationen wie einundvierzig Jahren
Lebenserfahrung, ausgezeichneten Kenntnissen als Workaholic
und kinderloser Single, bin die Chefredakteurin des Ladens
und momentan ziemlich am Ende, weil ich heute Nachmittag vom
Glauben abgefallen bin.
„Pia, geht’s dir jetzt besser?“, fragt Klaus besorgt.
„Mir ging es lange nicht so prächtig“, brülle ich, stürze den
erfrischenden Drink herunter und schiebe mir unauffällig zwei
Eiswürfel ins Dekolleté. Das tut gut.
„Mach dich bitte nicht verrückt. Lassen wir doch erst mal
alles auf uns zukommen und dann sehen wir weiter“, sagt Klaus
milde.
Dabei habe ich genau das getan: es auf mich zukommen lassen,
das kleine, dicke Männchen aus Nordamerika. Heute Nachmittag
auf dem Gang bei W-TV. Deswegen bin ich ja jetzt hier, um die
Begegnung zu verarbeiten. Weil ich nicht geglaubt hätte, dass
es so was gibt, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte. Unser
Sender soll nämlich verkauft werden, an einen amerikanischen
Investor. Der trägt zwar den unsäglichen Namen First
Conqueror, ist aber kein Hedgefonds, sondern ein solventes
US-amerikanisches Familienunternehmen. Und der Sohn des
Familienoberhaupts hat mir heute ein grandioses Gespräch
beschert. Paul Martin Junior ist um die vierzig, adipös und
ungefähr so groß wie Danny de Vito. Auf den ersten Blick fand
ich ihn drollig.
Aber schon nach wenigen Sätzen war mir klar, dass nichts an
diesem Typen drollig ist. „W-TV ist der erste Fernsehsender,
den wir kaufen. Zuletzt haben wir eine Futtermittelfabrik in
Wisconsin übernommen und davor einen
Straßenbaumaschinenhersteller in Illinois.“
Ein Schauer des Entsetzens jagte durch meinen Körper. Das war
keine Satire, sondern harte, bittere Realität – und ich stand
mittendrin.
„Wir wollen neue Märkte außerhalb der Staaten erschließen und
haben in Russland, China und Washington unverhofft günstig
riesige Archive aufgekauft“, erklärte er weiter. „Wir werden
beweisen, dass man auch heute noch mit Free-TV Geld verdienen
kann, sagt mein Dad. Und er meint, dass sich eure Knie-Ficker
sehen lassen können.“
Bitte was? Ich wollte weinen. Wieso warf dieser Zwerg
jetzt auch noch mit deutschen Schimpfworten um sich?
Zum Glück wurde mir dann aber klar, dass er wohl
unsere Key Figures gemeint haben musste. Aber
merkwürdig ausgesprochene Kennzahlen hin oder her: Ich kam
einfach nicht darüber hinweg, dass so einer wie dieser Paul
mir ab sofort ins Handwerk pfuschen konnte. Ich war ziemlich
ratlos nach dieser Begegnung und rannte zu Klaus, der mich
zur Ablenkung in diesen Club hier schleppte.
„Ach, Klaus, wie konnte es nur so weit kommen? Weil in meinem
Leben ja zum Glück sonst alles stimmt“, jammere ich und lecke
den Rand meines nur noch mit geschmolzenen Eiswürfeln und
Grünzeug gefüllten Glases ab. Das Auftanken an der
Gaynorschen Kraftquelle hat nicht lange vorgehalten.
Klaus lässt sich trotz aller Bemühungen von meinem Frust
nicht anstecken. Er ist ein wahrer Freund und erträgt mich,
wie ich bin.
„Los, lass uns tanzen gehen“, fordere ich ihn auf.
„Du, äh, eher nicht. Geh mal allein“, wehrt er ab, hat aber
keine Chance gegen mich und „Show me Love“, den legendären
Dance-Floor-Klassiker von Robin S.
Mit aller Gewalt schiebe ich ihn auf die Tanzfläche. Sekunden
später weiß ich, warum ich ihn noch nie vorher tanzen gesehen
habe. Er bewegt sich in etwa so agil wie ein
Hundertdreijähriger. Ich kann kaum hinschauen und fixiere
lieber ein Paar, das hochkonzentriert Discofox tanzt. Genauso
schlimm, aber zumindest kenne ich die beiden nicht. Nach dem
Song flüchte ich zur Erleichterung meines Chefs von der
Tanzfläche und organisiere uns Mojito-Nachschub.
„Auf uns“, hauche ich kurz darauf ein bisschen zu lasziv.
Klaus schaut mir tief in die glasigen Augen. „Darauf trinke
ich gern. Du weißt, dass du mir sehr viel bedeutest und …“
Zaghaft versucht er meine Hand zu fassen, die ich ruckartig
wegziehe.
„Klaus, lass es. Mit dem Thema sind wir durch. Du bist
verheiratet, ich habe meine Prinzipien und wir sind gut
befreundet. Das reicht mir.“
Ehrlich gesagt ist Klaus mit seinem Raucherteint und den
braun gefärbten, kaum mehr vorhandenen Haaren auch als Single
alles andere als mein Traumtyp. Aber was sind schon
Äußerlichkeiten? Er ist mein Vertrauter. Er hat mich damals,
als die Chefredaktion bei W-TV neu besetzt werden sollte,
protegiert und gepusht. Das hat unsere Verbindung gestärkt,
auch wenn sie nicht so weit geht, dass ich ihn in
Frisurenfragen berate.
„Okay, dann also weiterhin gute Freunde“, sagt Klaus und
streckt mir seine bärige Hand entgegen, die ich kräftig
schüttele. „Und dein guter Freund fährt dich jetzt nach
Hause. Wir haben morgen einen anstrengenden Tag vor uns.“
„Oje, warum musst du mich daran erinnern?“, sage ich
plötzlich todmüde und wende mich zum Gehen.