Gabriele von Braun - Alles, was wir nie gesagt haben

Verfügbare Formate

Taschenbuch

VerlagBastei Lübbe
ErschienenNovember 2015
ISBN-139783404172771
Seitenanzahl317
Preis8,99 €

eBook

VerlagBastei Lübbe
ErschienenNovember 2015
ASINB00XJSGHAW
Seitenanzahl320
Preis7,49 €

Inhaltsangabe

Katja führt ein wohlgeordnetes Leben in einem schicken Kieler Vorort. Doch als ihre Tochter für einen längeren Schüleraustausch in den USA das Elternhaus verlässt, muss Katja sich eingestehen, dass sie und ihr Mann nicht weitermachen können wie bisher. Zu viel blieb in letzter Zeit unausgesprochen. Was verbindet sie noch miteinander? Was ist übrig von ihrer Liebe? Um Klarheit über die Zukunft zu gewinnen, flüchtet sie sich in die Einsamkeit Montanas. Aber dort wartet nicht nur der tiefe Frieden der Rocky Mountains auf sie, sondern auch ein ganz besonderes Abenteuer ...

Leseprobe

Es gibt diese Art von Abschied, die ein Leben in sich
zusammenfallen lassen droht wie ein Soufflé. Mein Leben.
Meine Tränen vermischen sich mit Schneeregen, der mir auf
der zugigen Aussichtsplattform völlig unsentimental ins Gesicht peitscht. Die Boeing 777 ist verschwunden, geschluckt von gierigen, viel zu tief hängenden grauen Wolken. Dabei war
ich noch längst nicht so weit, alles ging viel zu schnell.
Mein Magen krampft sich schmerzhaft zusammen. Emma ist weg,
gegangen an einem ungemütlichen Januarmorgen.
Ich kralle mich an Oliver fest. „Jetzt ist sie im
Himmel“, schniefe ich mit brüchiger Stimme unter meiner
riesigen Kapuze und drücke meine Nase in Emmas buntes
Baumwolltuch, das ich mir umgeschlungen habe. Zum Abschied
habe ich meinen dicken grauen Strickschal dagegen getauscht,
den kann sie in der Kälte wesentlich besser gebrauchen. Das
Tuch duftet so intensiv nach ihr, zart blumig, frisch und
irgendwie ein bisschen nach Pfannkuchen. Es ist, als würde
sie direkt vor mir stehen. Mein ganzer Körper zittert, mir
ist bitterkalt.
„Katja! Hör auf damit! In neun Stunden kommt sie zurück
auf die Erde“, schimpft Oliver und reibt mir die Schultern.
Doch wärmer wird mir dadurch nicht. „Hilft es dir eigentlich
irgendwie weiter, wenn du so tust, als sei Emma spurlos
verschwunden?“ Oliver zieht sich seine graue Strickmütze
noch tiefer ins Gesicht.
„Das ist nicht witzig!“
„Sag ich ja. Sie ist sechzehn Jahre alt und sitzt im
Flieger nach Philadelphia. Und sie freut sich riesig darauf,
dort für ein halbes Jahr auf die Highschool zu gehen.
Noch einmal: Sie lebt! Es geht ihr gut!“
Ich nicke matt. Oliver geht wesentlich entspannter
damit um, dass unsere kleine Emma, der Mittelpunkt unseres
Lebens, plötzlich flügge geworden ist. Er hat mich sogar
gerügt, als ich ihr vorschlug, der Heimat vielleicht nur ein
halbes Jahr den Rücken zu kehren. Ich solle ihr da nicht
reinreden, sagte er. Dabei war er dann auch froh darüber,
dass wir Weihnachten zusammen zu Hause feiern konnten. Nun
muss ich damit leben, dass wir uns monatelang lang nicht
sehen werden. Besuche und Heimflüge sind unerwünscht, da das
Kind so nur abgelenkt werden würde, außerdem sei die Zeit ja
sehr kurz, sagte die Mitarbeiterin der Agentur allen
Ernstes. Kurz!
Oliver reißt mich aus meinen Gedanken. „Komm, wir
müssen los. Um elf kommt Frau Hansen“, sagt er und schiebt
mich wie ein kaputtes Auto in Richtung Parkplatz. Als ob
mich jetzt Frau Hansen interessieren würde.
Oliver ist Dermatologe und hat eine gutlaufende Privatpraxis. Ich arbeite dort halbtags als Praxismanagerin, wie Oliver es nennt. Ich mag den Begriff nicht, er klingt zu groß.
„Hoffentlich fängt sich Emma durch die Klimaanlage im
Flieger nichts ein! Wer soll sich denn um sie kümmern, wenn
sie krank wird? Ach Oli, warum ist Loslassen nur so verdammt
schwer Es macht mir Angst. Wird es nach Emmas Rückkehr
wieder genauso so sein, wie es einmal war?“, sinniere ich
auf dem Weg, Olivers starke Hand im Rücken.
Er antwortet nicht, sondern mustert mich im Gehen
genervt von der Seite, aber da sehe ich noch etwas anderes
in seinem Blick: Mitleid. Das macht mich so ärgerlich, dass ich abrupt stehenbleibe und frage: „Warum schaust du mich an, als sei ich ein dreibeiniger Straßenköter? Sie ist auch deine
Tochter!“
Oliver ist die Ruhe in Person, er schiebt mich einfach
weiter. „Du kennst meine Meinung. Es ist gut und wichtig,
dass Emma diesen Schritt geht. Und natürlich wird sich etwas
verändert haben, wenn sie zurückkommt. Es wäre ja schlimm,
wenn es nicht so wäre. Außerdem wird es Zeit, dass du dich
auch auf andere Dinge im Leben fokussierst. Unsere Tochter
lernt nun, selbständig zu werden. Das sollten wir feiern!“
Ich trete in eine mit dünnem Eis überzogene Pfütze und
murmele: „Ja, unbedingt.“

Auf der Heimfahrt von Hamburg nach Kiel verwechselt Oliver
die Autobahn mit dem Nürburgring. Aber statt mich darüber
aufzuregen und diesen Leichtsinn anzuprangern, beiße ich mir
auf die Zunge. Das Schicksal liegt nicht in unserer Hand –
und noch mehr negative Energie führt zu nichts. Also ruhig
bleiben, Thema wechseln. Das ist nicht leicht, aber ich
bemühe mich zumindest.
„Morgen gehe ich einkaufen. Soll ich dir Rasierschaum
mitbringen?“, frage ich also, anstatt zu brüllen: „Geht’s
noch? Fahr sofort 100 km/h langsamer, ich hänge am Leben –
und an Emma.“
„Hm“, brummt Oliver und macht das Radio lauter, es
kommen Nachrichten.
Ich drehe die Sitzheizung voll auf und tanke wohlige
Wärme, starre auf die vorbeiflitzende Landschaft und
versuche, mich für Emma zu freuen. Aufbruch zu neuen Ufern,
das ist doch wunderbar! Letztlich ist es wirklich egoistisch
von mir, mich dagegen zu sperren und zu leiden, nur weil
mein Kind glücklich ist und sich sein größter Wunsch
erfüllt. Wenn ich sie nur jetzt nicht schon so vermissen
würde!
Ich zähle die Markierungspfähle am Straßenrand und atme
tief ein und aus. Plötzlich zieht ein alter schwarzer Volvo
mit einem illuster beklebten Heck vor uns auf die linke
Spur. Oliver tritt auf die Bremse. „Idiot!“, flucht er und
zeigt der Windschutzscheibe einen Vogel.
„Hey, schau mal, das ist doch der gleiche Ärzte-ohne-
Grenzen-Aufkleber, wie du ihn auf deinem klapprigen Käfer
hattest. Den hätten wir nicht gesehen, wenn er rechts
geblieben wäre“, versuche ich die Situation zu entschärfen.
Wie lange habe ich daran nicht mehr gedacht, geschweige
denn einen solchen Aufkleber gesehen? Oliver und ich lernten
uns während des Medizinstudiums kennen. Ich wollte
Kinderärztin werden, und wir träumten beide davon, einmal
gemeinsam für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten.
Ein melancholisches Lächeln umspielt Olivers Mund. „Der
Käfer! Wie ich den geliebt habe! Mein Gott, ist das lange
her. Damals schien alles möglich zu sein, die Welt stand uns
offen.“ In seinen Augen blitzt ein Leuchten auf, wie ich es
schon lange nicht mehr gesehen habe. „Und nun sitzen wir in
einem BMW X5 mit Vollausstattung! Wenigstens funktioniert
hier die Heizung“, fährt er fort und drosselt die
Geschwindigkeit. Der Schneeregen ist stärker geworden, die
Scheibenwischer laufen auf Hochtouren.
Im Radio berichtet eine viel zu gut gelaunte
Männerstimme über den Weltcup im Skispringen.
„Mist! Der hatte doch alle Chancen!“, kommentiert
Oliver aufgebracht.
Da überkommt mich plötzlich eine unsagbare Wehmut.
Diese Chancen hatten wir auch einmal. Ich schlucke schwer.
„Was wäre wohl gewesen, wenn damals nicht…“ Meine Worte
gehen in der Geräuschkulisse unter. Gut so, ich kann sowieso
nicht weitersprechen. Nein, es ist nicht gut, an Tagen wie
diesen daran erinnert zu werden, was hätte sein können.