Gabriele von Braun - Abgehakt

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Taschenbuch

VerlagBastei Lübbe
ErschienenMärz 2013
ISBN-139783404167616
Seitenanzahl299
Preis8,99 €

eBook

VerlagBastei Lübbe
ASINB008PBPBTG
Seitenanzahl305
Preis7,49 €

Inhaltsangabe

Paula liebt Henning. Denkt sie. Doch als er ihr endlich den langersehnten Antrag macht, befallen sie plötzlich große Zweifel: Soll das jetzt wirklich schon alles gewesen sein im Leben? Hat sie vielleicht etwas verpasst? Mitten in ihrer Sinnkrise stolpert Paula über eine alte selbstverfasste Liste – mit lauter Dingen, die sie erleben wollte, bevor sie mal Ja sagt. Das muss ein Zeichen sein! Paula macht sich ans Werk. Aber werden ein Wiedersehen mit der ersten großen Liebe und ein Abenteuertrip nach New York wirklich Klarheit bringen?

Leseprobe

Wie ein gigantischer Erdrutsch kann eine Veränderung die Gleichförmigkeit eines bequemen Lebens zerstören. Oder anders
gesagt: Es ist Himmelfahrt in Heiligendamm, kurz nach neun Uhr
abends, als ich beginne, an meiner Beziehung zu zweifeln.
Ich starre auf meine Handfläche, in die ich soeben einen
silbrig glänzenden Ring gespuckt habe. Der steckte in einer
Mini-Mozzarella-Kugel, und im ersten Moment dachte ich: Man ist
auch wirklich nirgendwo mehr sicher, noch nicht einmal in einem
Fünf-Sterne-Hotel! Aber hätte mich tatsächlich jemand ins
Jenseits befördern wollen, hätte es auch ein rostiger Nagel
getan. Dies hier jedoch ist eindeutig ein Ring, ein kostbarer
Ring, und ich ahne, dass ich ihn aus einem ganz besonderen
Grund ausgespuckt habe. Bitte nicht! Nicht heute! Nicht so!
Verdattert schaue ich Henning an.
„Paula? Alles in Ordnung mit dir?“ Seine Stimme klingt besorgt.
Soll ich lachen oder weinen, ihm sofort um den Hals fallen oder
erst einmal abwarten, was er zu sagen hat? Vielleicht ist der
Ring nur eine originelle Aufmerksamkeit für zwischendurch. Ich
sage immer noch nichts, sondern schaue weiter auf meine
erstarrte Hand, in der dieser Ring liegt, und dann zu Henning.
Der ringt um Worte. „Also … Paula, ich liebe dich. Und … ähm …
ich würde dich gerne fragen, ob du dir vorstellen könntest,
meine Frau zu werden.“
Da ist er also, mein Heiratsantrag. Heute, hier in dieser
Junior-Suite ist er auf einmal da, und er verlangt nach einer
Reaktion. Stattdessen senkt sich Stille über uns. Was ist nur
los mit mir? Warum fühle ich so versteinert?
Wie von einer fremden Macht gesteuert öffne ich den Mund und
murmele: „Dann frag mich doch.“
Mein Blick klebt noch immer an dem feucht glänzenden Ring in
meiner Hand, als Henning ihn mir abnimmt und sich räuspert. „Schon gut, ich mache das hier ja schließlich nicht jeden Tag. Also: Willst du mich heiraten?“
Er schaut mir tief in die Augen und streift das edelmetallene
Bekenntnis seiner Liebe über meinen linken Ringfinger. Es passt
genau, ich kann es nicht glauben. Henning hat nun wahrlich
nicht viel Erfahrung im Verschenken von Schmuck.
„Tja, warum eigentlich nicht?“, höre ich mich mechanisch
antworten. Was sollte ich auch anderes sagen, schließlich bin ich ein höflicher Mensch. Und der Ring ist wirklich hübsch: ganz schlicht, Weißgold nehme ich an, und an Innenseite, von außen nicht sichtbar, befindet sich ein kleiner Brillant. Es sieht wirklich ganz danach aus, dass es kein Zirkonia, sondern etwas Ernstes ist. Warum also freue ich mich nicht? Irgendwie klang die Frage aller Fragen gerade genauso, als hätte jemand gesagt: „Dürfen es zwei Scheiben mehr sein?“ Nein, so habe ich mir diesen Augenblick nicht vorgestellt, so sollte das ganz und gar nicht ablaufen.
Überraschenderweise ist Henning mein Stimmungswechsel nicht
entgangen. Eben haben wir noch das Essen genossen, einander
angelächelt, uns über die Schönheit der weißen Stadt
unterhalten und über die nette Zimmerkellnerin.
Und jetzt ist plötzlich alles anders. Jetzt sitze ich hier in unserer Suite beim Dinner mit Henning und dem Antrag und habe keinen Appetit mehr. Dabei liebe ich diese Mozzarella-
Kugeln, die unseren Vorspeisenteller bereichern. Henning weiß
das, und so war seine Idee allemal ausgefallener, als den Ring
– ups – im Champagnerglas zu versenken. Aber auch
das macht es nicht besser.
Die Balkontür steht offen. Ich höre das Meer rauschen, sehe,
wie sich die Gardine beschwingt in einem Lüftchen wiegt, und
schweige. Henning ist aufgestanden, um die Balkontür zu
schließen. Die plötzliche Stille ist beklemmend, sie muss
schnell beendet werden, ohne dass es weh tut. Aber ich weiß
nicht, wie. Henning schaut zu mir herüber, mit einem Blick, den
ich nicht deuten kann. Und ich dachte immer, ich kenne all
seine Blicke!
Seine Stimme klingt belegt und fremd. „Paula, ich habe dich
nicht mit einem heimtückischen Virus infiziert, sondern dir
einen Heiratsantrag gemacht. Was ist los? Ich fühle mich wie
der größte Idiot.“
Betreten schaue ich auf den beigefarbenen Teppichboden, nestele
an meinem neuen Ring herum und bin nicht in der Lage, Henning
in die Augen zu sehen.
„Ich weiß auch nicht, was auf einmal mit mir los ist. Ich habe
mir das hier so lange und so sehnlich gewünscht. Vielleicht ist
es die Überraschung darüber, nach all den Jahren wirklich
gefragt zu werden.“
Bis heute habe ich nie an der Ehe gezweifelt – und das, obwohl
meine Eltern sich vor drei Jahren getrennt haben, weil sie
nichts mehr gemeinsam hatten außer ihrer Leidenschaft für
getrennte Schlafzimmer.
„Aber irgendwie ist aus der freudigen wohl eine böse
Überraschung geworden.“ Henning spricht ganz leise, er ist
fassungslos, unendlich enttäuscht.
Und tatsächlich habe ich das Gefühl, als hätte jemand einen
Schalter in mir umgelegt, als wäre ich schockgefroren, und ich
kann es nicht begreifen.
„Es tut mir leid, Henning“, sage ich, weil etwas gesagt werden
muss, „ich kann es auch nicht erklären. Was würde sich ändern,
wenn wir verheiratet wären? Abgesehen davon, dass ich nicht
mehr Brandt, sondern Berger heißen würde, was nicht einmal
meinen Initialen etwas anhaben kann? Ach ja, natürlich, wir
könnten die Steuerklasse ändern lassen.“
Als ich merke, dass ich alles nur noch schlimmer mache, platzt
es verzweifelt aus mir heraus: „Verdammt, ich weiß einfach
nicht, was ich erwartet habe! Henning, wir sind so ein
eingespieltes Team!“
„Was soll das heißen? Dass ich dich langweile? Was stört dich
auf einmal daran, dass wir ein gutes Team sind? Paula, ich
verstehe die Welt nicht mehr.“ Henning schüttelt den Kopf.
„Ich verstehe sie doch selbst nicht mehr. Wieso ausgerechnet
jetzt? Du hattest elf Jahre Zeit!“