Claudia Schwarz - Tal des Raben

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Taschenbuch

ErschienenJuni 2018
ISBN-101983223581
ISBN-139781983223587
Seitenanzahl386
Preis9,98 €

eBook

ErschienenJanuar 1970
ASINB07DG2HZSV
Preis3,99 €

Inhaltsangabe

Was, wenn die Sterne erlöschen, das Leben all deine Pläne zunichtemacht und dein Glück dich verlässt?

Ne obliviscaris – Du sollst nicht vergessen!

Schottland im Frühjahr 1690. Für Sionnach scheinen sich alle Sehnsüchte zu erfüllen. Doch schon bald erschüttern neue Unruhen das Land, und ihr Glück wird jäh zerstört, als Raven zwischen die Fronten zweier verfeindeter Clans gerät. Um sein Leben zu retten, ist Sionnach zu jedem Opfer bereit. Doch reicht das, was sie anbietet, aus, um ihre Feinde zu besänftigen? Wird Sionnach ihren Tighearna jemals wiedersehen?

Schottlands Herzschlag zwischen zwei Buchdeckeln!

Leseprobe

1

Tiefe Ruhe lag über den Mauern von Invergarry Castle. Lediglich das lautstarke Gekrächze der die Burg belagernden Raben durchbrach hin und wieder die friedvolle Stille. Die schwarzen Augen aufmerksam auf den leeren Innenhof gerichtet, schienen sie nur darauf zu warten, dass die Menschen ihren Tag beginnen würden. Noch ließen diese zwar auf sich warten, doch die Raben, die sich dem Rhythmus der Burgbewohner angepasst hatten, übten sich in Geduld. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, Profit daraus zu schlagen.
Sionnach, die von dem durchdringenden Geschrei der kreisenden Vögel erwachte, machte es sich auf dem Bett bequem. Bäuchlings und das Kinn auf die flach übereinandergelegten Hände gestützt, betrachtete sie die schlafende Gestalt neben sich. Der schwarze Schopf zerzaust, das unrasierte Gesicht zur Hälfte im Kopfkissen vergraben, ein Bein angewinkelt … der Leib des Mannes, mit dem sie von nun an für alle Zeiten verbunden sein würde. Einzig das Plaid, das sich im Laufe der Nacht um seine Schenkel gewunden hatte, verdeckte den Teil seines Körpers, der ihr noch bis vor wenigen Stunden himmlisches Vergnügen bereitet hatte. Sie löste sich von seinem Anblick und sah aus dem Fenster. Es war noch früh, die Dämmerung kaum angebrochen. Dennoch fand Sionnach keinen Schlaf mehr.
Seit nunmehr drei Tagen war sie vor Gott und den Menschen Ravens Frau. Drei Tage, seit man die Tür des Brautgemachs hinter ihnen verschlossen hatte. Eine kurze, aber intensive Zeitspanne, die man jedem frisch vermählten Paar zugestand, um ihrer Verbindung Gültigkeit zu verleihen. Heute nun würde man sie als Eheleute im Clan willkommen heißen. Sionnachs Gedanken wanderten zurück zu jenem Tag, an dem sie Raven zum ersten Mal begegnet war. Er hatte den Titel eines englischen Viscounts getragen, während sie, Tochter eines schottischen Hochlandbauern, als Magd hatte dienen müssen. Mit ihrer Heirat hatte sich alles verändert. Ohne mit der Wimper zu zucken, hatte Raven König James̕ Angebot ausgeschlagen, in den Hochadel erhoben zu werden und somit sämtliche Ansprüche auf Rang und Namen aufgegeben. Nun galt er nicht mehr als jedes andere gewöhnliche Mitglied eines schottischen Hochlandclans, in dessen Gefüge er sich jedoch erst würde behaupten müssen. Sionnach wusste nur zu gut, dass man es Raven nicht leicht machen würde. Der Clan MacDonell of Glengarry sympathisierte auch nach dem Machtwechsel weiterhin mit dem gestürzten Monarchen, und trotz der Tatsache, dass es sich bei diesem um Ravens Onkel handelte, misstrauten ihm die meisten Männer. Daran hatte auch Ravens kühne Tat, im Auftrag seines Onkels am Hofe König Williams zu spionieren, nichts ändern können. Er war Engländer und somit in den Augen der Hochländer ein Sasanach, ein Fremder. Viele Clanangehörige bedachten Sionnachs Vater Ewan deshalb mit einem Kopfschütteln. Dass er seiner Tochter die Erlaubnis erteilt hatte, einen verhassten Engländer zu ehelichen, entzog sich ihrem Verständnis. Doch ihre Bedenken prallten an Ewans schottischem Dickkopf schlichtweg ab. Er hatte seine Entscheidung getroffen und stand dazu.
Um Raven nicht zu wecken, schlüpfte Sionnach leise aus dem Bett und huschte auf Zehenspitzen hinüber zum Kamin. Sie hatten in der Nacht immer wieder Holz nachgelegt, sodass die dicken Steine beständig Wärme ausstrahlten. Vorsichtig stocherte sie mit dem Schürhaken in der verbliebenen Glut. Mit ein paar geschickten Handgriffen und einer Handvoll Späne entzündete sie das Feuer neu. Bald knackten trockene Scheite in den auflodernden Flammen und erfüllten den Raum mit harzigem Duft.
»Guten Morgen, Füchschen.«
Hände umfassten ihre Schultern. Warme Lippen senkten sich auf ihre Haut und kitzelten ihren Nacken. Trotz der unmittelbaren Nähe zum Feuer überkam Sionnach ein wohliger Schauer.
»Madainn mhath mo Tighearna«, erwiderte sie in ihrer Muttersprache. Guten Morgen, mein Herr …
Obwohl er es längst nicht mehr war, hatte sie es beibehalten, ihn auf diese Weise zu benennen und benutzte es wie eine Art Kosenamen, ebenso wie er sie ›Füchschen‹ nannte. Sie lehnte sich zurück und schmiegte den Kopf an seine Brust.
»Verzeih, wenn ich zu laut war. Ich hatte nicht die Absicht, dich zu wecken.«
»Mach dir keine Gedanken«, milderte Raven ihre Besorgnis. »Ich konnte ohnehin kaum Schlaf finden.«
»Das kann ich mir vorstellen. Müsste ich vor den Chief treten und ihm den Eid leisten, ich würde vor Angst vergehen.«
»Nicht beim Chief, aber glaub mir Füchschen, beim feindseligen Anblick etlicher anderer eurer Leute schlottern auch mir die Knie.«
»Und dennoch bist du bereit, künftig unter diesem Haufen wilder Hochländer zu leben?«
Raven küsste ihr leuchtend rotes Haar. »Noch nie hat mich etwas mit mehr Stolz erfüllt als endlich dem Clan der Frau, die ich liebe, anzugehören.«
»Die Anerkennung deines Treueeids wirst du dir dennoch hart erarbeiten müssen«, gab Sionnach zu bedenken.
»Bei den Dorfbewohnern vielleicht. Ich denke, MacDonell weiß inzwischen sehr wohl zu schätzen, was er an mir hat. Du hast ja gesehen, wie es um das Königreich steht. Die Lage wird immer brisanter. James muss so schnell wie möglich reagieren, wenn er zurück auf den Thron will, und das wird ihn einiges kosten.« Raven löste sich von Sionnach, steuerte die auf dem Tisch stehende Waschschüssel an und goss Wasser hinein. Er schöpfte mit der hohlen Hand davon und wusch sich das Gesicht.
»Du meinst, er würde William Geld dafür bieten, den Thron zu räumen?«, fragte Sionnach verwundert und reichte ihm ein Handtuch.
»Nicht doch Geld, Füchschen, Aufwand und Männer«, antwortete Raven gedämpft aus dem Tuch heraus. »Irland steht kurz vor dem Einmarsch der Truppen König Williams. Wenn James das zulässt, hat er endgültig verloren. Darüber ist er sich ebenso im Klaren wie die Chiefs der ihn unterstützenden Clans.« Er legte das Handtuch beiseite und benetzte seinen Oberkörper, wenn auch weit spärlicher, ebenfalls mit Wasser.
»Aber das … das würde ja bedeuten, dass es Krieg geben könnte«, konstatierte Sionnach entsetzt.
»Was unter den gegebenen Umständen wahrscheinlich nicht zu vermeiden sein wird. Aber keine Sorge, mein Herz. Irland ist zu weit weg, als dass es dich ängstigen müsste. Zumal es sich im Moment um Dinge zu kümmern gilt, die weitaus dringlicher sind.«
Nackt wie er war, drehte er sich um. Obwohl sie die letzten Tage ununterbrochen miteinander verbracht hatten, fühlte Sionnach erneutes Verlangen in sich auflodern. Doch sie unterdrückte den Wunsch, über Ravens schlanken Leib zu streichen und seinen Körper abermals zu erforschen. In Kürze würde sich der Schlüssel im Schloss drehen und da sie nicht das Bedürfnis verspürte, jemanden zum Zeugen ihrer Lust werden zu lassen, fragte sie: »Und das wäre?«
Raven beugte sich herab, hob einen neben dem Bett befindlichen Stapel Stoff an und erwiderte: »Die Frage, wie ich dieses Ding anziehe.« Auf seinem Gesicht stand der verzweifelte Ausdruck unfreiwilliger Komik. Achselzuckend reckte er Sionnach das Bündel entgegen.
Sionnach musste sich arg zusammennehmen, um nicht lauthals loszuprusten. Sie nahm ihm das grüngemusterte Plaid aus der Hand und faltete es durch kräftiges Schütteln auseinander. Das wollene Tuch floss zu Boden, wo sie es der Länge nach ausbreitete. Dann wandte sie sich wieder zu Raven und maß den Abstand von seiner linken bis zur rechten Hüfte, kniete sich auf das Plaid und begann es so zu drapieren, dass sich schnell eine Vielzahl handbreiter Falten aneinanderreihte. Erst als nur noch ein etwa unterarmlanges Stück übrig war, hielt sie inne und sah zu Raven auf, der ihr Tun aufmerksam beobachtete.
»Ich brauche deinen Gürtel.« Sie streckte fordernd die Hand aus. »Und nun dich«, offenbarte sie ihm, nachdem sie den ledernen Riemen vorsichtig unter den gefalteten Stoff geschoben hatte.
»Mich? Aber du scheinst mir noch gar nicht fertig.«
»Und das werde ich auch niemals werden, wenn du meine Anweisungen nicht befolgst.« Voller Skepsis kniete sich Raven neben Sionnach auf den Boden. »Zieh dein Hemd an und leg dich auf den Rücken. Genau hierher.« Sie deutete auf den glatten Teil des Plaids.
»Weißt du, Füchschen, es ist keineswegs so, dass ich diesen Gedanken nicht liebend gern ausführen würde, aber meinst du nicht, wir sollten uns langsam auf die Ankunft deiner Familie vorbereiten?«, merkte er zögernd an.
»Genau das versuche ich ja gerade. Wenn du also so gnädig wärst, meine Bemühungen nicht länger zu erschweren …« Sie wies nochmals auf das wollene Tuch. »Ansonsten wirst du dich deinem neuen Clan splitterfasernackt präsentieren dürfen. Aber bitte, wenn du unbedingt Wert darauf legst …«
Raven hob abwehrend die Hände. »Grundgütiger, nur das nicht! Was muss ich tun?«
Sionnach platzierte sich auf allen vieren über ihm, griff nach den seitlich abstehenden Stoffstücken und wies ihn an: »Stillliegen und dich von mir einwickeln lassen.«
»Das ist längst geschehen - an dem Tag, an dem ich dich zum ersten Mal sah«, entgegnete er grinsend. Die Spitze seines Knies berührte sacht ihren Busen.
»Schluss jetzt, Raven Cunnings«, quittierte Sionnach sowohl Ironie als auch Anzüglichkeit des künftigen Schotten mit einem sanften Schlag auf dessen Oberschenkel. Mit gespielter Entrüstung wollte Raven sich aufrichten, wurde jedoch zu Boden gedrückt.
»Wenn du glaubst, dass es während unserer Ehe auf diese Weise weitergeht, irrst du dich. Als Ehemann erwarte ich von meinem Weib, mit Achtung und Respekt behandelt zu werden«, fügte er sich murrend.
»Aye, mo Tighearna. Und nun halt endlich still.« Sie schlug ihm das Plaid um den Bauch, fixierte den Gürtel darum und hieß ihn aufstehen. Er gehorchte wortlos. Sionnach verdrehte einen Teil des lose über dem Gürtel hängenden Wolltuchs hinter Ravens Rücken und steckte es fest. Den anderen legte sie über seine linke Schulter und befestigte den Stoff mithilfe eines schmucklosen Kiltpins. Nachdem sie ihn hier und da noch ein wenig zurechtgezupft hatte, trat sie einen Schritt zurück, um ihr Werk zu betrachten. »Na, das macht doch schon einen ganz guten Eindruck.«
»Was für eine Wissenschaft! Das werde ich vermutlich nie lernen«, seufzte Raven deprimiert und sah ebenfalls an sich herab.
»Doch, das wirst du«, tröstete Sionnach. »Hab ein bisschen Geduld und übe es täglich.« Sie nahm eine kleine Felltasche vom Tisch und band sie an Ravens Gürtel. »Das darf auf keinen Fall fehlen. Wir nennen es Sporran. Er ist äußerst nützlich, um Kleinigkeiten oder auch Geld darin aufzubewahren; vorausgesetzt natürlich, man besitzt welches.«
»Dafür werde ich schon sorgen. Immerhin trage ich von nun an Verantwortung für dich. Und dazu gehört in erster Linie, dass mein Füchschen niemals Hunger leidet.«
In Sionnachs Lächeln mischte sich eine Spur Besorgnis. »Stell es dir nicht zu einfach vor. Das Hochland ist unberechenbar und rau. Es braucht eine Menge Erfahrung und Kraft, ihm die Stirn zu bieten und täglich etwas Brot abzuringen.«
»Traust du mir etwa nicht zu, dich zu ernähren?«
»So habe ich das nicht gemeint«, beeilte Sionnach sich zu erwidern. »Ich bewundere deinen Mut und deine Entschlossenheit. Trotzdem solltest du bedenken, dass du bislang als Adeliger auf einer Burg gelebt hast und dich um derlei Dinge nicht zu kümmern brauchtest. Du wurdest nicht in den Bauernstand hineingeboren und wirst eine Menge lernen müssen. Hier ist alles anders. Wir leben von dem, was das Land uns gibt. Wer essen will, ist gezwungen, dafür zu arbeiten.«
»Davor scheue ich mich nicht, Füchschen. Auch wenn wir es anfangs vielleicht schwer haben, wir werden es schaffen, du wirst sehen. Ich habe dir einen Schwur geleistet, und ich beabsichtige ihn zu halten. Weißt du …« Für einen Moment schien er um Worte verlegen.
»Ja …?«, drängte Sionnach ihn sanft.
»Ich … ich habe noch nie eine eigene Frau besessen. Eine, die nur mir allein gehört.« Überraschend zaghaft griff er nach ihrer Hand und führte sie zu einem Kuss an seine Lippen.
»Und, wie fühlt es sich an?«, fragte Sionnach leise.
»Es ist ein solch wunderbares Geschenk, wie ich in meinem ganzen Leben noch keines bekommen habe, und ich werde alles dafür tun, es zu schützen, falls nötig mit bloßen Händen «, antwortete Raven und zog sie an sich.
Eine Welle der Zärtlichkeit flutete Sionnachs Inneres. Selten hatte sie dergleichen Geborgenheit empfunden. Was noch vor einigen Monaten als düsterer Albtraum begonnen hatte, füllte ihr Dasein jetzt auf wunderbare Weise mit Glück. Sie schmiegte ihren Kopf an Ravens Brust und sog mit geschlossenen Augen den Geruch seiner Haut in sich auf.
»Raven?«
»Hm?«
»Hör niemals auf mich so zu lieben, wie du es in diesem Moment tust.«
»Füchschen, du bist mein Atem. Wie könnte ich jemals damit aufhören?« Er löste sich aus ihrer Umarmung, umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen und bedeckte es mit Küssen.
Sein wachsendes Begehren entging Sionnach nicht. Als wolle sie den Sitz überprüfen, strich sie über Ravens Kilt.
»Weiß du, was mir an schottischen Männern sehr gut gefällt?« Raven deutete ein Kopfschütteln an. »Ihre überaus praktische Kleidung«, fügte sie hinzu, ohne vom Weg, den ihre Hand nahm, abzuweichen.
»Heilige Agnes !«, stieß Raven heiser hervor, als Sionnach ihr Ziel gefunden hatte und es fest umschloss.
»Wenn ich mich recht an die vergangenen drei Tage erinnere, ist für einen Anruf dieser Heiligen eh Hopfen und Malz verloren«, erwiderte Sionnach verschmitzt und fuhr unbeirrt in ihrem Tun fort.
»Oh, Allmächtiger! Das wirst du mir büßen, Frau«, sagte er wenig später. Während er die Falten seines Kilts erneut ordnete, kräuselten sich seine Lippen zufrieden lächelnd.
Um Sionnachs Mund zuckte es ebenfalls. »Das hoffe ich doch.«

Sie wurden von Ewan abgeholt, der sie feierlich aus dem Brautgemach zu Lord MacDonell geleitete. Bereits in den oberen Gängen war das Spiel eines Dudelsackpfeifers zu vernehmen, der seinem in der Hand so manch anderen Spielers jammervoll fiependen Instrument erstaunlich klangvolle Töne zu entlocken wusste.
Sionnach schielte unauffällig zu Raven hinüber. Sie wusste nur zu gut, dass es ihm ähnlich erging wie seinem Onkel, König James, und er dieser Art der traditionellen schottischen Musik nicht wirklich etwas abgewinnen konnte. Du wirst dich wohl oder übel daran gewöhnen müssen, dachte sie schmunzelnd.
Doch heute gab es für Ravens angespannten Gesichtsausdruck noch einen anderen Grund: Sein unmittelbar bevorstehender Treueeid, der ihn zu einem vollwertigen Mitglied des Clans werden lassen würde.
Kurz vor Betreten des Burgsaals stoppte Ewan den kleinen Trupp und wandte sich mit würdevoller Miene an seinen frischgebackenen Schwiegersohn: »Nun ist der Tag also gekommen. Ich denke, du hast deinen Entschluss gut durchdacht und stehst mit ganzem Herzen hinter dieser Entscheidung. Der Tartan der MacDonells kleidet dich bereits seit Längerem. Sowie du den Eid geleistet hast, erhältst du unter anderem einen eigenen Dolch, den du künftig immer bei dir tragen wirst. Halte ihn stets in Reichweite und gebrauche ihn, sofern es dir nötig erscheint. Er dient deiner Verteidigung und dem Schutz deiner Familie.«
»Bei meiner Seele, das werde ich«, sagte Raven.
Ewan nickte zufrieden. »Ich hatte nichts anderes von dir erwartet, mein Sohn.« Seine rotbehaarte Hand legte sich väterlich auf Ravens Schulter.
Dieser errötete, doch sprach mehr Stolz als Verlegenheit daraus. Für einen Moment fasste er, Sicherheit suchend, nach Sionnachs Hand, welche seinen Griff mit beruhigendem Druck erwiderte. Dann öffnete sich die schwere Eichenholztür, und sie traten ein.
Obgleich der letzte Gerichtstag noch nicht lange zurücklag, war der Saal zum Bersten gefüllt. Die zunehmende Brisanz der politischen Lage, zwischen dem durch das englische Parlament abgesetzten König James und dem an seiner statt auf den Thron erhobenen William, hatte sich innerhalb kürzester Zeit ebenso wie ein Lauffeuer verbreitet wie James̕ Anwesenheit auf Invergarry Castle. Raven war bei Weitem nicht der Einzige, der heute vor den gestürzten Monarchen treten würde. Die überwiegende Zahl schottischer Hochlandclans stand nach wie vor loyal hinter James und war bereit, ihrem König erneut die Treue zu schwören und für ihn in den Krieg zu ziehen.
Wie auch an jenem Tag, an dem Raven zum ersten Mal einen Fuß in die Burg von Invergarry gesetzt hatte, thronte Ranald MacDonell am Ende des Saals in seinem fellbedeckten Sessel. Obschon seine Präsenz durchaus eindrucksvoll wirkte, schien vielmehr der unmittelbar neben ihm sitzende König James die Neugierde seiner eifrig hofierenden Untertanen auf sich zu ziehen.
Sionnach, die für ihren König zwar große Hochachtung, nach den letzten Ereignissen jedoch keine besondere Faszination mehr empfand, wandte ihren Blick rasch wieder ab und schaute sich stattdessen in dem mit Kienspanfackeln erleuchteten Burgsaal nach ihrer Familie um. Dank der lautstark rangelnden Brüder Ryan und Raymond fand sie sie ohne Schwierigkeiten und gesellte sich zu ihr. Während Moira kurz grüßte und sich nachfolgend mit Ewans tatkräftiger Unterstützung mühte, die rotschopfigen Zwillinge unter Kontrolle zu halten, neigte Brendan sich Sionnach entgegen und küsste sie auf die Wange.
»Herrje, ich wusste, dein Engländer würde es falsch anpacken.« Er betrachtete sie stirnrunzelnd. Sionnach hob fragend die linke Braue. »Na, schau dich doch an. Du kannst noch aufrecht gehen. Das sagt ja wohl mehr als genug über die Qualität der Dienste deines Ehemannes aus«, foppte Brendan sie und wich eilig ihrem unvermittelt folgenden Hieb aus.
»Wie überaus erfrischend, Brendan. Ich wünsche dir ebenfalls einen guten Morgen«, entgegnete sie ironisch und kehrte ihm den Rücken zu.
»Ach, komm schon«, knuffte Brendan sie sacht, »war doch nicht so gemeint. Er scheint ja trotzdem ein ganz passabler Kerl zu sein, denn immerhin hat er es geschafft, dein Herz zu erobern. Und wer hätte gedacht, dass wir jemals erleben, wie ein zugeknöpfter Engländer seinen kneifenden Hosen entsagt und sie gegen einen ungleich bequemen Kilt tauscht?« Er sandte ein Grinsen in Ravens Richtung.
Der hatte sich in die Aufstellung der Männer gereiht, die dem Clanchief, ihrem König oder beiden die Treue zu schwören gedachten. Sionnachs Blick heftete sich auf ihren Schritt für Schritt vorrückenden Ehemann, bis dieser schließlich an der Reihe war.
Ranald MacDonell musterte Raven eingehend. Nur der aufmerksame Beobachter konnte wahrnehmen, dass sich Zufriedenheit auf seiner Miene spiegelte und er Raven für den Bruchteil einer Sekunde die Andeutung eines anerkennenden Nickens schenkte.
»Wie ist Euer Name?«, begann er den Verlauf des Ritus.
»Raven Alexander Cunnings, geborener Sohn Charles Stuarts II., Mylord«, antwortete Raven.
»Und aus welchem Grund tretet Ihr heute vor, Mr. Cunnings?«
»Um meinen Treueeid zu leisten, Mylord.«
MacDonell gab ihm mit einer knappen Geste zu verstehen, dass er sich einverstanden erklärte. Raven neigte respektvoll das Haupt und beugte ohne Zögern vor dem Clanchief und seinem Onkel James das Knie. Auf dem anderen, angewinkelten ruhten seine Hände.
»Ich, Raven Alexander Cunnings, lege hiermit vor Gott und allen Zeugen Eid ab, Euch, dem Clan MacDonell of Glengarry und meinem König von heute an die Treue zu halten. Nach besten Kräften und mit der Hand am Schwert schwöre ich, bis zum letzten Blutstropfen dafür zu kämpfen, dass das Königreich Schottland niemandem durch Tribut oder Eid unterworfen ist außer Gott allein.« Der sonore Klang seiner Stimme drang bis in den hintersten Winkel des Burgsaals. Gespannte Stille legte sich wie ein Tuch über die Halle. Die Aufmerksamkeit aller richtete sich auf Raven, den Sasanach, der nicht nur eine der Ihren geheiratet hatte, sondern sich nun auch öffentlich zum Clan bekannte. In den Augen der meisten sah man Skepsis, in vielen Ungläubigkeit. Nur in einigen wenigen war aufrichtige Freude zu finden.
Ranald MacDonell erhob sich und griff nach einem polierten Holzkästchen, das auf einem neben seinem Thron aufgebauten Tisch stand. Es besaß das Aussehen einer winzigen Truhe. Als MacDonell den Deckel öffnete, konnte man darauf das eingravierte Zeichen des Clans erkennen – den Raben auf einem Fels. Er förderte einen silbernen Kiltpin zutage und schritt mit feierlicher Miene auf Raven zu.
»Wenn ich so an den Tag unserer ersten Begegnung zurückdenke, wäre mir niemals in den Sinn gekommen, dass ich eines Tages dies hier tun würde. Raven Alexander Cunnings, es ist mir eine Freude, Euren geleisteten Treueeid anzuerkennen und Euch als Mitglied des Clans MacDonell of Glengarry aufzunehmen.« Er bedeutete Raven, sich zu erheben, und befestigte die in Form eines filigranen Schwertes gefertigte Schmucknadel an dessen Schulterstoff. Er deutete eine Verbeugung an, und der König trat an seine Stelle.
Sionnach reckte neugierig den Kopf. James trug einen der im Hochland weitverbreiteten Dolche auf den ausgestreckten Handflächen. Trotz der Entfernung konnte sie den kunstvoll gefertigten und mit winzigen Steinchen besetzten Schaft erkennen. Das Geschenk eines Königs, welches weit mehr als nur ideellen Wert besaß.
»Als Raven Alexander MacDonell of Glengarry habt Ihr den Blutschwur geleistet. So nehmt zum Zeichen der Verbundenheit diesen Dolch und tragt Sorge dafür, dass er das Eurige und das Leben Eurer Nachkommenschaft schützen möge – für Euren König und für Schottland.« James überreichte ihm die Waffe, deren Griff im Schein der Fackeln aufblitzte. Ein vernehmliches Raunen ging durch die Menge.
Raven verneigte sich ehrerbietig und nahm den Dolch entgegen, bereit, ihn sicher im Bund seines Strumpfes zu verstauen. Doch bevor er dazu kam, schloss James̕ Hand sich um die seines Neffen.
»Sie mögen Euch als einen abtrünnigen Bastard schmähen, mir aber habt Ihr jene Treue bewiesen, die Euch wahrhaft als würdigen Sohn eines Königs auszeichnet. Es erfüllt mich mit Stolz, Sir, Euch meinen Neffen zu nennen.«
»Majestät …«, erwiderte Raven sichtlich bewegt, »meinem König und Land dienen zu dürfen, sollte mir Ehre genug sein.« Ihre Blicke kreuzten sich, und für einen Moment schien es, als hätten sie sich Raum und Zeit entzogen, um sich einzig als Onkel und Neffe gegenüberzustehen.
Sionnach schlug das Herz bis zum Hals. Sie konnte kaum glauben, was gerade vor ihrer aller Augen geschah und schauderte ergriffen. Dass Schottlands König einem namenlosen Halbblutbastard in aller Öffentlichkeit seine Gunst zusprach, hatte größere Tragweite als jeder Versuch, sich aus eigener Kraft zu etablieren. Einen besseren Start konnten sie sich kaum wünschen. Verstohlen schaute sie sich im Saal um, in dem man eine Stecknadel hätte fallen hören können. In den Gesichtern sämtlicher Anwesender stand Verblüffung geschrieben. James̕ Zugeständnis war eine kleine Sensation und Ravens anschließender Weg wurde von, wenn auch distanzierter, Bewunderung gesäumt. Sionnach registrierte die veränderte Stimmung stillschweigend und kam nicht umhin, ein Gefühl tiefster Genugtuung zu verspüren. Sowie Raven sich wieder an ihrer Seite befand, tastete sie unauffällig nach seiner Hand und verkreuzte ihre Finger mit den seinen. Ihr Herz glühte vor Stolz. Ganz gleich, was die Zukunft bringen wird, dachte sie still lächelnd, wir werden es meistern, denn von nun an sind wir nicht mehr allein.


2

Die dichte Wolkendecke über dem tief am Fuß des Ben Nevis eingebetteten Glen riss nur langsam auf. Zum dritten Mal innerhalb zweier Stunden war ein kräftiger Regenguss niedergegangen und ließ die Bäche zusätzlich zur andauernden Schneeschmelze anschwellen. Die Gipfel der hoch aufragenden Berge waren nach wie vor schneebedeckt, sodass der April sich unbeständig und trübe zeigte. Die Nächte waren unangenehm eisig, und nicht selten ging auf den umliegenden Wiesen Reif nieder. Der Frühling ließ auf sich warten.
Raven zog sich sein Plaid vom Kopf, schüttelte es aus und legte das Tuch wie einen Umhang über seine Schultern. Es versetzte ihn immer wieder in Erstaunen, wie wetterbeständig und alltagstauglich dieses Kleidungsstück war. Nicht ein Tropfen Wasser drang durch den dicken, ein wenig nach Schaf riechenden Wollstoff. Der Regen schien einfach daran abzuperlen wie an einer öligen Haut. Dennoch konnte er nicht leugnen, anfangs seine eng anliegenden Hosen vermisst zu haben, was - in Anbetracht der kühlen Apriltemperaturen - weniger mit der wärmenden Wirkung denn mit dem ungewohnten Tragegefühl zusammenhing. Seine bisherigen Beinkleider hatten sich angeschmiegt und dadurch einen gewissen Halt geboten. Dem Kilt fehlte es hier gänzlich an dazugehörigen Komponenten. Wenn auch in manch anderer Beziehung ausgesprochen praktisch, so beschlich ihn hierbei stets die Furcht, der Welt irgendwann versehentlich seinen blanken Hintern zu ›präsentieren‹.
Vor einer Weile hatte er Sionnach gegenüber seine Sorge geäußert. Einen Moment lang war sie verblüfft, dann jedoch höchst belustigt gewesen. Sich vor Lachen schüttelnd, hatte sie ihm gezeigt, wie man das unter dem Kilt zu tragende, ebenfalls bis fast an die Kniekehlen reichende Hemd knotet, um dem Missgeschick vorzubeugen.
»Das tun viele Männer«, hatte sie erklärt und sich nur mühsam weiteres Lachen verkniffen, »die meisten aber lediglich im Winter oder wenn der Kilt bei der Arbeit stört und sie ihn dazu eine Weile ablegen.«
Er hatte ihren Spott achselzuckend ertragen und erwidert: »Jeder, wie er meint. Ich achte eben gut darauf, dass meiner künftigen Nachkommenschaft kein Schaden entsteht.« Sionnachs darauffolgender, erboster Gesichtsausdruck hatte deutliche Bände gesprochen. Raven musste unweigerlich grinsen, als er daran dachte. Das Thema ›Kinder‹ stand für sie offenbar noch nicht zur Debatte, und im Augenblick war er keineswegs undankbar dafür. In nächster Zeit waren andere Dinge vorrangig.
Einen Tag nach seinem Treueeid war er in Brendans Begleitung aufgebrochen, um mit dem Bau eines eigenen Hauses zu beginnen. Entgegen Ewans Bedenken hatte Raven dem Plan seines Onkels James zugestimmt, ihre neue Bleibe als eine Art Beobachtungsposten auf dem Grenzgebiet zwischen den Clans MacDonell of Keppoch und Cameron zu errichten. Nicht ganz zu Unrecht wurde darüber spekuliert, ob englische Truppen es nutzen und unbemerkt in die Eingeweide des Hochlands vorstoßen würden.
James war aufgrund des sich zuspitzenden Konflikts in Irland zu seinen Truppen zurückgekehrt, um sie moralisch zu unterstützen. So gab es Anlass zu der Befürchtung, William könne die Umstände nutzen und unbemerkt zu einem weiteren Schlag ausholen, um hinterrücks das Hochland zu erobern. Das strategisch günstig auf dem Gebiet des Clan Cameron gelegene, nur wenige Meilen entfernte Fort Inverlochy nährte diesen Verdacht zusätzlich. Aus diesem Grund und mit Einverständnis der MacDonells hatte man für Raven ein Fleckchen in einem wenig besiedelten Tal zu Füßen des Ben Nevis gewählt.
»Hey Arschling, ich hoffte eigentlich, dich längst beim Dachdecken vorzufinden. Stattdessen lungerst du hier rum und starrst Löcher in die Luft«, tönte es rau von hinten und riss Raven aus seinen dumpfen Gedanken.
Ich war ausreichend damit beschäftigt, das dämliche Feuer wieder in Gang zu bekommen!, dachte er verdrießlich, vermied es aber wohlweislich, seinen feixenden Schwager davon in Kenntnis zu setzen. Wenngleich sie auch Frieden geschlossen hatten, konnte man ihr Miteinander bei Weitem nicht als warmherzig bezeichnen. Dennoch war Brendan bereit gewesen, ihm beim Bau ihres neuen Heims unter die Arme zu greifen, und Raven hatte sein Angebot, wenn auch mit einem unbehaglichen Gefühl behaftet, angenommen. Er war sich bewusst, dass zwischen Brendan und Sionnach ein sehr starkes Band bestand. Um sie nicht zu verärgern, hielt er es für klüger, es sich mit dem hitzigen Schotten nicht zu verderben.
»Hunger?«, fragte Brendan und hielt Raven ein Bündel feucht glänzender Fische vor die Nase.
Ravens Magen knurrte zum Erbarmen. Er nickte. »Wo hast du die so schnell hergeholt?«
»Wenn mich nicht alles täuscht, fließt in unmittelbarer Nähe ein Bach.«
»Und darin gibt es Fische?«
»Ähem ja …«, Brendans Stimme hatte einen spöttischen Unterton angenommen. »Hier im Hochland sind die Flüsse voll davon. Lachse, Forellen, Hechte: Du brauchst quasi nur zupacken.«
»Du fängst sie mit den Händen?«, staunte Raven arglos.
Brendan hob befremdet die Braue. »Jetzt sag bloß, du hast noch nie gefischt.« Raven schüttelte verunsichert den Kopf. »Heilige Angelrute, du benötigst offenbar nicht nur Hilfe beim Bau deines Hauses. Beim nächsten Mal nehme ich dich mit und zeige dir, wie man es anstellt. Nicht dass mein bezauberndes Schwesterchen sich ein Leben lang nur von Wurzeln und wilden Beeren ernähren muss.«
»Keine Bange, ich werde sie schon nicht verhungern lassen.«
»Da bin ich mir nicht so sicher.«
Raven folgte dem schwarzhaarigen Schotten hinauf zu der kleinen Höhle, die sie sich als Unterschlupf gewählt hatten. Sie bot nicht besonders viel Platz, aber es reichte aus, um windgeschützt und trocken darin zu schlafen und das Nötigste unterzubringen. Von außen betrachtet, war sie nahezu unsichtbar. Ein dichter grüner Moosteppich wuchs von oben herab und bedeckte den gesamten Eingang wie ein Vorhang. Jedermann, der von ihrer Existenz nichts wusste, würde achtlos daran vorübergehen.
»Wenigstens warst du in der Lage, aufs Feuer aufzupassen«, stichelte Brendan und drückte Raven seinen Fang in die Hand. »Aber braten kannst du sie doch hoffentlich?« Raven schwieg betreten. Brendan starrte ihn ungläubig an. »Himmel, Arsch und Zwirn – Sasanach! Dein Volk muss wahrhaftig ein großes Maß an perfekt verborgenem Wissen besitzen, um sich uns überlegen zu fühlen. Schieb den Biestern einen angespitzten Ast durchs Maul und hänge sie über die Flammen. Aber nicht zu tief, sonst verbrennen sie. Normalerweise backt man sie gut verpackt in der Glut, wozu es heute allerdings an Zeit fehlt.« Er zuckte gleichgültig die Achseln. »Es muss eben auch so gehen. Also Schwager, dann zeig mal, was du kannst. Ich werde mich derweil noch etwas am Haus zu schaffen machen. Ruf mich, wenn sie fertig sind.« Fröhlich pfeifend trabte er von dannen.
Raven kniff die Lippen aufeinander und sah ihm schweigend nach. Was fiel diesem blasierten Kerl ein, ihn mit den Aufgaben einer Frau zu betrauen! Am liebsten hätte er die Fische gegen die Wand geschleudert. Da sein Hunger dem Zorn gegenüber jedoch überwog, machte er sich seufzend auf die Suche nach dem passenden Geäst und folgte Brendans Anweisungen.
Es entpuppte sich als überaus kniffelig, die glitschen Tiere auf den Spieß zu stecken und mehr als einmal entglitten sie ihm. Doch schließlich war es ihm gelungen, die Umgebung mit dem Duft frisch gebratenen Fisches zu erfüllen. Nicht ohne Stolz betrachtete Raven sein Werk und nahm sich vor, künftig alles zu lernen, was für ein Leben in den Bergen vonnöten war.

Brendan warf die verbliebenen Gräten achtlos ins Feuer und leckte sich zufrieden die Finger.
»Gewürzt mit Zwiebeln und Knoblauch hätten sie vermutlich sehr viel besser geschmeckt. Aber man kann eben nicht alles haben.« Er lehnte sich rücklings gegen den Fels, reckte sich ausgiebig und gab einen vernehmlichen Knurrlaut von sich.
Raven stützte die Arme auf seinen Knien ab. »Ehrlich Brendan, ich bin dir wirklich dankbar für deine Hilfe, aber verflucht! – manchmal kannst du ein richtiges Ekel sein. Wahrscheinlich wirst du mir bis zum Tag des jüngsten Gerichts nachtragen, was mein Bruder getan hat.«
»Ich?« Brendan sah schlitzohrig zu ihm hinüber. »Also wirklich, Cunnings, du hast einen völlig falschen Eindruck von mir. Das würde ich niemals tun, jedenfalls nicht bis zum Tag des jüngsten Gerichts.« Er sprang auf und schlug dem säuerlich dreinblickenden Raven kameradschaftlich auf die Schulter. »Na los, du Möchtegernschotte, mach dir einen Knoten in den Kilt und nichts wie ran an die Arbeit.«
Der Regen nahm kein Ende. Inzwischen ergoss er sich nicht mehr in Schauern, sondern war in ein feines, aber unaufhörliches Nieseln übergegangen und hing wie ein grauer Schleier über dem gesamten Tal. Raven bemerkte die andauernde Nässe allerdings kaum. Getrieben vom Ehrgeiz, Sionnach so schnell wie möglich ihr Haus präsentieren zu können, schleppte er Stein für Stein heran und staunte über das handwerkliche Geschick seines Schwagers, sie derart passend aufeinanderzuschichten, dass sie binnen Kurzem eine nahezu lückenlose Wand ergaben.
»In ein paar Tagen werden wir wohl mit dem Dachstuhl anfangen können«, verkündete Brendan und nahm sich eine Schöpfkelle voll Wasser aus dem neben ihm stehenden Eimer. »Und sowie die Witterung es zulässt, werden wir es decken.«
»Demnach also nie«, konterte Raven und griff dankend nach der ihm angebotenen Kelle. »Hört es in diesem Land eigentlich niemals auf zu regnen?«
Ohne seine Arbeit zu unterbrechen, antwortete Brendan: »Du betrachtest die Welt aus einem falschen Blickwinkel. Schau dich um. Das gesamte Hochland strotzt vor Leben, ist üppig und grün. Wäre es ständig sonnig und trocken, würden seine Farben bleichen, die Flüsse versanden. Schottland ist ein gesegnetes Land, Cunnings, Gottes Paradies auf Erden.« Dem athletischen Schotten schienen weder Wind noch Wetter etwas auszumachen. Der Stolz seiner Herkunft stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Im einen Moment übles Raubein, im anderen ein emotionaler Patriot. Dieser Kerl wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben, dachte Raven.
»Vermutlich braucht es einfach noch eine Weile, bis ich mich mit all dem identifizieren kann, was Schottland zu bieten hat.«
»Aye, vielleicht. Allerdings würde es mich sehr überraschen, solltest du es tatsächlich jemals können.«
Raven schluckte die bissige Erwiderung herunter, die ihm auf der Zunge lag. Stattdessen deutete er auf die angesammelten Steine und sagte: »Sieht aus, als hätten wir erst einmal genug. Ich werde jetzt lieber beim Bauen helfen. Schließlich kann ich nicht jedes Mal nach jemandem schreien, wenn etwas ausgebessert werden muss.«
Brendan musterte ihn kurz, nickte dann aber zustimmend. »Im Grunde genommen, ist es nicht sonderlich schwer. Das einzig Wichtige ist, akkurat zu arbeiten. Schau her«, er nahm einen der Steine zur Hand und hielt ihn hoch, »du musst dir ihre Form genau ansehen und prüfen, ob sie dorthin passen, wohin du sie setzen willst. In der Wand sollte es möglichst wenige Lücken geben. Auf diese Weise vermeidest du, dass du sie später mühselig stopfen musst. Es sei denn, du legst Wert auf ein zugiges Haus. Dann ist es natürlich gleichgültig, wie du sie stapelst.«
»Was für ein Glück für mich, an einen so kompetenten Baumeister wie dich geraten zu sein, sonst wäre ich letzten Endes noch gezwungen, meiner Frau den ganzen Tag über Körperwärme zu spenden. Ich käme zu nichts anderem mehr.«
»Folglich werde ich mir die allergrößte Mühe geben, jedes noch so kleine Loch zu schließen«, sagte Brendan schief grinsend.

Sie kamen gut voran. Tag für Tag arbeiteten sie von Sonnenaufgang bis zur Abenddämmerung. Die stabilen Außenmauern, bestehend aus in der Umgebung gesammelten Felsbrocken, hatten sich einfach und schnell errichten lassen, wohingegen sich der Bau des Rauchabzugs über dem Kamin als weitaus schwieriger erwies. Die meiste Zeit aber hatte die Fertigung des Dachstuhls in Anspruch genommen. Mehr als einmal haderten sie mit der Passgenauigkeit der aufeinander zulaufenden Balken. Wind und Regen erschwerten die Arbeit zusätzlich.
Eingerollt im Schutz der klammen Höhle schlief Raven am Abend nur allzu oft bereits nach wenigen Minuten ein. Wenngleich er sich auch vorgenommen hatte, keine Schwäche zu zeigen, forderten die neuen Lebensumstände dennoch ihren Tribut, und an manchem Morgen überkam ihn das Gefühl, nie wieder einen Finger rühren zu können.
»Was gäbe ich jetzt für ein knuspriges Stück Brot und einen Krug Bier. Langsam kann ich den verdammten Fisch nicht mehr sehen. Wenn das so weitergeht, wachsen mir noch Schuppen.«
»Was ja nicht unbedingt von Nachteil wäre«, bemerkte Brendan zynisch und rülpste ungeniert. »Dann gäbe es für dich zumindest einen triftigen Grund, nicht länger über die feuchte Witterung meckern zu müssen. Außerdem solltest du dankbar sein, dass du es während der Nacht trocken und einigermaßen geschützt hast, Arschling. Es geht nämlich auch anders.«
»Das muss es aber hoffentlich nie wieder. Und was das Brot betrifft - wenn dir das hier erst mal reicht … ich würde dann für Nachschub sorgen, sobald ich einen Ofen habe.«
Beim Klang der Stimme setzte Ravens Herzschlag für einen Moment aus. Er drehte sich um.
»Sionnach! Was in aller Welt …«
»Ich konnte einfach nicht länger warten. Und als Vater verkündete, zu euch aufbrechen zu wollen, hätten mich keine zehn Pferde daheim halten können.« Sie schlang ihre Arme um seinen Hals. »Freust du dich?«
»Was für eine Frage, natürlich tue ich das!« Raven zog sie auf seinen Schoß und küsste sie ungestüm.
»Und wer küsst mich? Oder sollte ich mich etwa getäuscht haben und es entspricht nicht der allgemeingültigen Begrüßung?«, meldete sich Ewan zu Wort und formte auffordernd einen spitzen Kussmund. Die kraftvollen Arme bis zu den Ellbogen bloß liegend und das leuchtend rote Haar zu einem zerzausten Zopf in den Nacken gebunden, stapfte er heran. Hinter sich führte er ein bis obenhin mit Garben beladenes Pferdefuhrwerk, an dessen Seiten zahlreiche Haushaltsgegenstände schepperten.
»Was, um Himmelswillen, schleppt ihr da bloß alles durch die Gegend? Mit dem ganzen Zeugs sieht der Karren aus wie ein fahrender Gemischtwarenladen«, spöttelte Brendan und nahm seinem Vater die Zügel aus der Hand.
»Wem sagst du das«, seufzte Ewan und wischte sich den Schweiß aus dem Nacken. »Aber deine Mutter hat auf jedes einzelne Teil bestanden. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was mir widerfahren wäre, wenn ich auch nur eines davon verweigert hätte.« Leidend verzog er das Gesicht.
Raven löste sich aus Sionnachs Umarmung und begrüßte seinen Schwiegervater mit festem Händedruck. Im Gegensatz zu Brendan galt sein Blick weniger dem Hausrat als zunächst den fein säuberlich gestapelten Gebinden. Sie bestanden aus dünnem, Gestrüpp ähnlichem Geäst, das erstaunlich dicht gebunden war und aufgrund dessen enorme Festigkeit besaß.
»Für´s Dach?«, mutmaßte er. »Aus was setzen sie sich zusammen?«
»Heidekraut. Manchmal deckt man auch mit Stroh oder Gras. Aber Heide ist zu jeder Jahreszeit nahezu überall verfügbar, somit dürfte das Dach für dich leicht auszubessern sein.«
»Das ist gut«, sagte Raven und versuchte, sich die Erleichterung darüber, dass er große Teile seines Alltags ohne Unterstützung würde meistern können, nicht anmerken zu lassen. Schlechten Gewissens sah er hinab zur Feuerstelle, neben der die abgenagten Reste ihrer Mahlzeit lagen. »Sicher möchtet ihr etwas essen und eine Weile ausruhen. Hätte ich gewusst, dass ihr heute kommt … Ich werde gleich noch ein paar Fische fangen.«
»Ach was«, fegte Sionnach seine Bedenken fort und sprang auf. »Es gibt viel zu viel zu tun, um sich mit Essen aufzuhalten. Außerdem hatten wir erst vor gut zwei Stunden eine ausreichende Mahlzeit. Und nun zeig mir unser neues Heim. Ich kann es gar nicht abwarten, alles zu sehen.« Sie fasste nach Ravens Hand und zog ihn mit sich. Kurz vor dem Eingang jedoch hielt sie inne und betrachtete das fast fertige Haus einen Moment lang. Sie trat näher und begann, das gesamte Gebäude zu umrunden. Dabei strich ihre Hand andächtig über die dicken Steinmauern, erforschte sie mit den Fingerspitzen, als wolle sie jede Fuge, jede noch so kleine Unebenheit in sich aufnehmen. Wieder am Eingang angekommen, strahlten Sionnachs Augen vor Glück. »Unser eigenes Haus. Oh Raven, es ist wunderschön! Noch viel schöner als ich gehofft hatte.«
»Trotzdem hättest du nicht herkommen sollen, Füchschen. Es ist längst noch nicht fertig.«
Sionnach schlang ihre Arme um Ravens Nacken und lehnte ihre Stirn an die seine. »Wo du bist, da will ich sein, und wo du schläfst, werde auch ich mich betten. Es ist mir egal, an was es noch fehlt. In meinen Augen ist es vollendet. Und, trägst du mich nun über die Schwelle, mo Tighearna?«