Claudia Schwarz - Ghosem - Seelenbande

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Taschenbuch

VerlagKDP
ErschienenJuni 2015
ISBN-101514306972
ISBN-139781514306970
Seitenanzahl592
Preis14,98 €

eBook

VerlagKDP
ErschienenJanuar 1970
ASINB00WRKY2K0
Preis5,99 €

Inhaltsangabe

Was wäre, wenn es plötzlich hell um dich werden würde?
Dein sehnlichster Wunsch in Erfüllung ginge?
Wenn du eine zweite Chance bekämst?
Was, wenn du erfahren würdest, dass du niemals warst, was du zu sein glaubtest?
Wärst du bereit, den Preis zu zahlen, den dich die Wahrheit kostet?

Als Jona die Augen aufschlägt, wähnt er sich endlich am Ziel dessen, was ihn zwei lange Jahre überleben ließ. Aber die Freude bleibt aus; eine sonderbare Leere erfüllt sein Herz.
Niemand schenkt ihm Glauben, und Jona begreift, dass er weit mehr verloren als gewonnen hat.
Gequält von brennender Sehnsucht und der Erkenntnis, den falschen Weg gewählt zu haben, scheint jede Hoffnung verloren. Doch dann macht sein Vater ihm ein Geständnis, das alles bislang Dagewesene für immer verändert …

Die Reise ist nicht zu Ende - sie beginnt erst!

Leseprobe

1

Köln

Magnus hielt sein Versprechen und besuchte Jona, sooft die Zeit es zuließ. Oftmals zogen ihre Gespräche sich bis in die Nacht hinein. Das Thema ›Ghosem‹ schien nahezu unerschöpflich. Seinen vorangegangenen Vorschlag, Jona solle sich einem Psychotherapeuten anvertrauen, hatte Magnus rasch verworfen. Kein noch so kompetenter Psychologe hätte mit Jona über dessen Erlebnis sprechen und sie begreifen, geschweige denn, ihm helfen können. Jeder Gedanke, jede Erinnerung wäre kaum nachvollziehbar für jemanden, der Ghosem nicht selbst gesehen und erlebt hatte. Magnus hingegen schöpfte aus dem Vollen und konnte sich an dem, was Jona berichtete, nicht satthören.
»Es waren unendlich viele, bestimmt Tausende, wenn nicht mehr«, erzählte Jona. »Was für eine immense Anzahl an Menschen muss überall auf dieser Welt im Koma liegen!«
»Du hast andere Menschen wie dich getroffen? Konntest du mit ihnen sprechen?«
Jona nickte bestätigend. »Ein paar von ihnen waren mir gute Freunde.« Betrübt senkte er den Kopf. »Wenn ich ihnen doch nur irgendwie helfen könnte!«
»Unmöglich.«
»Und falls doch? Wir könnten nach ihnen suchen. Vielleicht in Krankenhäusern oder Pflegeheimen«, schlug Jona vor, sah seinen aufkeimenden Enthusiasmus jedoch sogleich durch Magnus̕ skeptische Miene gedämpft.
»Wie soll das vonstattengehen? Du kennst ja noch nicht einmal ihre wirklichen Namen. Es ist wohl kaum damit zu rechnen, dass dein Pirat tatsächlich Crossbone heißt.«
»Aber irgendetwas müssen wir tun«, beharrte Jona. »Ich kann sie doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen, nun, da ich den Weg kenne. Sie haben alle die gleiche Chance wie ich verdient.«
»Möglicherweise waren es aber auch lediglich deine Erlebnisse und Eindrücke«, gab Magnus zu bedenken. »Du kannst nicht davon ausgehen, dass jeder Mensch, der ins Koma fällt, in Ghosem landet und den Weg geht, den du gegangen bist.«
»Natürlich nicht«, sagte Jona. »Ich habe mit einigen, die ich traf, darüber gesprochen, und keinem von uns war klar, nach welchen Kriterien Domhnall uns auswählte und wieder aussortierte. Jeder hatte dort seine eigene Geschichte - mit ungewissem Ende.« Erneut verfiel er in Schweigen. Seine Gedanken wanderten zu dem jungen Mann, dessen Tod er zu Beginn seiner seltsamen Odyssee hatte miterleben müssen.
Magnus erhob sich, öffnete die Balkontür und reckte genussvoll seine Glieder. »Korrigiere mich, wenn ich mich täusche«, begann er und drehte sich gerade so weit herum, dass er Jona aus dem Augenwinkel sehen konnte, »aber im Moment kommt es mir vor, als würdest du statt Erleichterung eher Enttäuschung darüber empfinden, einen Ausweg gefunden und zurückgekehrt zu sein; etwa so, als würdest du Ghosem vermissen.«
Jona starrte an seinem Vater vorbei in den Garten. Wenn du wüsstest, wie nah du der Wahrheit bist ..., dachte er. »Wie könnte ich etwas vermissen, das mir nur Schwierigkeiten eingebracht hat und dem ich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war?«, versuchte er von seinen wahren Gefühlen abzulenken. »Du glaubst ja gar nicht, wie sehr ich Dinge wie Duschgel und Shampoo vermisst habe, ganz zu schweigen von einem Paar Jeans!«
Der Blick, den Magnus ihm zuwarf, ließ den Mangel an Glaubwürdigkeit deutlich erkennen.
»Was auch immer du vermisst haben magst - seit du aufgewacht bist, scheint es dir an noch weit mehr zu mangeln, mein Sohn.«

Die Zeit verstrich, und aus Tagen wurden Wochen. Unablässig arbeitete Jona an seinem Körper. Dabei ging es ihm um weit mehr als nur darum, seine atrophierte Muskulatur wieder aufzubauen. Ghosem hatte ihn gelehrt, Vorsorge zu treffen – eine Erfahrung, die sich unauslöschlich in sein Gehirn eingebrannt hatte. So trainierte er in jeder freien Minute und schluckte brav alle Aufbau- und Vitaminpräparate, die Aaron ihm verschrieb.
Seine Hartnäckigkeit zahlte sich aus. Schon bald stand er wieder fest mit beiden Beinen auf dem Boden. Stirnrunzelnd betrachtete er sich im Spiegel und strich mit der Handfläche an seinen Oberschenkeln entlang. Noch längst nicht waren sie wieder so einsatzfähig, wie sie es einst gewesen waren. Dennoch zeigten sich deutliche Fortschritte.
»Wartet´s nur ab, ich werde euch bald richtig in Form bringen«, murmelte er und schwor sich, niemals mehr den Halt zu verlieren. Mit dem guten Gefühl, endlich wieder selbst über sich und sein Leben bestimmen zu können, öffnete er den Schrank. Er entschied sich für eine der neuen Jeans, die Sophie ihm gekauft hatte.
»Bis die alten wieder passen«, hatte sie gesagt und ihm aufmunternd die Wange geküsst.
Ein Lächeln huschte über Jonas Gesicht. Es war ihm unverständlich, wie er sich so oft mit seiner Mutter hatte streiten können. Wie viel sinnlose Zeit er damit verprasst hatte! Leicht schwankend schlüpfte er in die Hosenbeine und schloss den Reißverschluss. Es war kurz nach halb neun am Abend. Seine Freunde waren Jona allen Widrigkeiten zum Trotz zwei Jahre lang treu geblieben und hatten sich heute zu einem Treffen in Sophies Wohnung verabredet. Gemeinsam wollten sie sich ein Fußballspiel anschauen. Wie in alten Zeiten. Gemächlich schlenderte er ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Es dauerte eine Weile, bis der Receiver sich hochgefahren hatte und drei große, bunte Buchstaben die Verbindung zum Pay-TV signalisierten. Magnus hatte es für ihn installiert.
»Dein virtueller Flug um die Welt, bis du wieder besser zu Fuß bist«, hatte er augenzwinkernd erklärt. Tatsächlich nutzte Jona Magnus̕ Angebot ausgiebig, um sich über das zu informieren, was er zwei Jahre lang verpasst hatte. Hin und wieder fühlte er sich jedoch erdrückt von der Menge der auf ihn einprasselnden Informationen. Somit war er dankbar, sich heute anderweitig von seiner Suche und der Sehnsucht nach Eva ablenken zu können. Das Schrillen der Türklingel kündigte das Eintreffen seiner Freunde an. Sich lautstark über den vorhergehenden, in einer nahegelegenen Disko verbrachten Abend austauschend, ließen sie sich auf der Couch nieder. Wenngleich Jona sich auch bemühte, es seine Freunde nicht merken zu lassen, spürte er den Unterschied zwischen ihnen und sich nur allzu deutlich und konnte nicht leugnen, dass sein Denken sich grundlegend verändert hatte. Geistesabwesend saß er neben den Jungs, die er bereits seit der Grundschule kannte und mit denen er einen Großteil seines bisherigen Lebens verbracht hatte, und beobachtete ihr Verhalten. Nicht, dass es in irgendeiner Form ungewöhnlich gewesen wäre, nein. Eine Gruppe ausgelassener, junger Männer, die sich ihrem Alter entsprechend benahmen. Sie erzählten, lachten, tranken und hatten ihren Spaß. Doch niemand von ihnen konnte Jonas Erfahrungen über die Erbarmungslosigkeit des Lebens und was es bedeutete, nicht aufzugeben und für seinen Stolz zu kämpfen, teilen. Wahrscheinlich wäre ich ohne diesen Unfall ebenso unbeschwert, dachte Jona und war für einen Moment unschlüssig, ob er den Lauf der Dinge bedauern oder sich darüber freuen sollte. Zweifellos hatte die Zeit im Koma ihm einen entscheidenden Teil seiner Jugend geraubt. In Ghosem hatte er mehr als einmal darüber gegrübelt, was ihm alles entging. Aber nun, da er sich wieder bequem auf einem weichen Sofa eines geschützten Lebens zurücklehnen konnte, war er sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob er derlei Werte wirklich erstrebenswert fand. Zweifellos hatte Ghosem ihm eine gnadenlos harte Zeit beschert. Dennoch hatte er aus diesem düsteren, von Albträumen geprägten Ort mehr schöpfen können, als er es hier jemals würde können. Er besaß Fähigkeiten, die man ihn hier niemals gelehrt hätte. Er hatte Orte des absoluten Friedens und Taten von so erschreckender Grausamkeit gesehen, die vermutlich kein anderer, den er kannte, jemals zu Gesicht bekommen würde. Und er hatte etwas zurücklassen müssen, was ihm keine Macht der Welt ersetzen konnte …
»Jetzt schieß doch, du Idiot!«, tönte es von der Couch. Jona beobachtete seine Freunde mit regloser Miene und war überzeugter als je zuvor: Jene Dinge, die für ihn Wertigkeit besaßen, hatten nicht das Geringste mit ihren und der Welt, in der sie lebten, zu tun. Und gleichgültig, wie viel Zeit sie miteinander verbrachten - das ahnte er bereits -, es würde sich nie mehr ändern. Nichts von dem, was seine Freunde taten, erschien ihm nun noch erstrebenswert.

Um seinen Besuch nicht durch wachsendes Desinteresse zu verletzen, zog Jona es vielfach vor, die Abende alleine vor dem Computer zu verbringen. Er stöberte nach Erfahrungs- und Wissenschaftsberichten, in denen andere Komapatienten von ihren Erlebnissen aus der Zeit der Dunkelheit berichteten. Aber solange er auch suchte, nichts von dem, was er las, kam seinem Erlebnis auch nur im Entferntesten gleich. Vermutlich hatte sein Vater recht. Nicht jeder, der ins Koma fiel, erlebte Ghosem.
Auch heute hatte er wieder viele Stunden vor dem Computer verbracht, bis ihm die Augen brannten. Müde ging er ins Bad und putzte sich die Zähne - ebenfalls eine der hygienischen Annehmlichkeiten, die er in Ghosem schmerzlich vermisst hatte. Sein Blick fiel auf den blank polierten Spiegel, der sein vor Zahnpasta schäumendes Abbild zeigte. Bis vor Kurzem hatte er nicht vielmehr besessen als einen Eimer Wasser, auf dessen glatter Oberfläche er sein Aussehen hatte überprüfen und eine Pferdebürste, um seine widerspenstigen Haare bändigen zu können. Dennoch war es für ihn kein Grund zur Klage gewesen. Achtsam spuckte er den Geschmack von Minze in das saubere Waschbecken. Das Leben hier war so bequem. Alles, was er benötigte, war ohne besonders großen Aufwand beschaffbar. Niemand verletzte seinen Stolz, bedrohte seine Existenz oder trachtete ihm nach dem Leben, von dem angenehmen Umstand, jeden Abend mit gut gefülltem Magen ins Bett gehen zu dürfen, ganz zu schweigen. Ghosem hingegen hatte ihn täglich aufs Neue gefordert und ihn nur allzu oft an seine Grenzen geführt. Jeder anbrechende Morgen war ein neuer Kraftakt gewesen. Überleben in einer Epoche, die nicht die seine war. Wer dort am Abend satt ins Bett kroch, wusste in der Regel auch, was er am Tag dafür getan hatte, und niemand beschwerte sich darüber. Möglicherweise, überlegte er, waren Ghosems Kreaturen trotz aller Umstände zufriedener und glücklicher, als er es in seiner Welt je sein würde. Erneut blickte Jona seinem Spiegelbild entgegen und hielt für einen Moment mit dem Zähneputzen inne. War es wirklich das, was er wollte? Konnte es tatsächlich sein, dass er sich danach sehnte, in ein Leben voller Angst, Schmerz und Ungewissheit zurückzukehren? Jona Roberts, das kann nicht dein Ernst sein, schalt er sich selbst. Zumal es ohnehin unmöglich ist. Du kannst nicht zurück, und du weißt es. Er spülte seinen Mund aus. Obwohl … warum sollte es nicht funktionieren? Einmal war es ihm doch bereits gelungen. Nein, absurd. Über seinen eigenen Gedankengang den Kopf schüttelnd, griff er zum Handtuch. Wie sollte das vonstattengehen?
Fällt es dir wirklich so schwer, einen Weg zu finden? Denk nach!, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf.
»Mich bei Regen aufs Motorrad setzen und hoffen, dass ich wieder einen Unfall baue oder mich alternativ dazu aus dem Fenster stürzen? Falls das die Aussichten sind, mich zurück nach Ghosem zu bringen, verzichte ich, danke«, hielt er dagegen, denn die Chance, ein weiteres Mal zu überleben, war nicht besonders hoch.
Was ist mit Eva? Ist sie es nicht wert, es zu wagen? Hattest du nicht geschworen, dass sie nie mehr einem anderen gehören würde? Wie kannst du dir dessen sicher sein, wenn du nicht bei ihr bist?, schnurrte die Stimme.
»Wie kann ich mir sicher sein, nicht zu sterben, bevor ich sie erreiche?«, konterte Jona den Einwand des Männleins in seinem Kopf, denn im Grunde hatte er seine Entscheidung längst getroffen: Verflucht ja, er wollte wieder zurück! Er wollte dieses Leben in Evas Nähe mit all seinen Gefahren und Anstrengungen, so sehr, wie er sich während der Zeit in Ghosem gewünscht hatte, heimzukehren.
Beinahe die gesamte Nacht grübelte er über einen Plan. Doch was auch immer ihm in den Sinn kam, verwarf er wieder. Unruhig wälzte er sich hin und her. Ein zartes Gesicht, umrahmt von dunklem Haar, erschien vor seinem inneren Auge. Eva … Sein Herz verkrampfte sich und trieb die Sehnsucht nach ihr in jede Faser seines Körpers. Was hatte das Leben ohne sie noch für einen Wert? Es musste einen Weg geben, zu ihr zu gelangen, und er würde ihn finden.