Annika Dick - Distelmond

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Gebundene Ausgabe

VerlagArunya-Verlag
ErschienenSeptember 2014
ISBN-103958100015
ISBN-139783958100015
Seitenanzahl426
Preis16,99 €

eBook

VerlagArunya-Verlag
ErschienenJuli 2014
ASINB00LN6OVRI
Seitenanzahl426
Preis5,99 €

Inhaltsangabe

Das Massaker von Glencoe bescherte der Familie MacDonald traurige Berühmtheit. Das Überleben derjenigen, die den Soldaten entkamen gleicht einem Wunder. Oder einem Fluch. In den Männern der MacDonalds of Glencoe brach in der Zeit der Entbehrung etwas aus, dessen Geheimnis ihre Nachkommen auch Jahrhunderte später noch hüten: Sie verwandelten sich bei Vollmond in Wölfe.
1853 zieht die junge deutsche Charlotte mit ihrer Mutter nach deren Wiederverheiratung nach Edinburgh. Dort verliebt sie sich in Andrew, den besten Freund ihres Stiefbruders, der ihre Gefühle auch erwidert.
Ihre Familie ist von ihm begeistert, Andrews Schwestern von Charlotte ebenso, nur seine Mutter bremst ihn. Eine Außenstehende wird nie den Wolf in ihm akzeptieren können. Andrew denkt zu Beginn noch anders darüber und ist davon überzeugt, dass Charlotte seine Besonderheit verstehen wird. Doch sein mordlustiger und rachsüchtiger Vetter sowie der ebenso düstere Robert Campbell zeigen ihm deutlich, wie gefährlich das Leben für Andrews Familie und Freunde ist. Als er sich aber von Charlotte fernhalten will, wird es für sie nur noch gefährlicher.

Leseprobe

Prolog



Februar 1692

Trau keinem Campbell. Es war eine Lektion fürs Leben, die wir gelernt hatten. Eine Lektion, die wir nie vergessen würden. Keiner von uns.

Selbst nach zehn Tagen konnte ich das Feuer noch riechen und schmecken. Die Schreie hören, obwohl sie längst verklungen, die Menschen gestorben waren.

Vor zehn Tagen hatten sie uns überfallen, in unseren Häusern angegriffen. Nachts, während wir alle schliefen. Wir boten ihnen unsere Gastfreundschaft und bezahlten sie mit dem Verlust unserer Heimat und Lieben.

Vierzig Männer starben durch die Schwerter der Männer, die der Campbell anführte. Beinahe genau so viele sollten ihnen in den nächsten Wochen folgen.

Meine Eltern hatte ich bereits durch das Schwert und das Feuer verloren. Elf Tage nach dem Massaker, das die Campbells in unseren Dörfern angerichtet hatten, beerdigte ich auch meinen kleinen Bruder.

Nicht eine Träne fand ihren Weg aus meinen Augen. Alles in mir war taub. Ich stand einfach da, als die Männer das Grab aushoben und den kleinen Körper, in seinem Plaid eingewickelt, der Erde übergaben. Mit steifen Schritten ging ich an das Grab und legte eine Distel darauf. Dass überhaupt etwas zu dieser Jahreszeit blühte, war schon ein Wunder.

Als ich die Männer betrachtete, war es, als sähe ich alles durch einen dichten Schleier. Sie sahen wild aus, ihre Gesichter eingefallen, die Bärte und Haare ungepflegt. Ihre Augen waren von dunklen Rändern gezeichnet. Aber da war noch etwas, das ich nicht genau benennen konnte. Es lag eine Verzweiflung in ihren Blicken, die tiefer ging. Vielleicht hätte ich es nicht wirklich wahrgenommen, wenn ich es nicht an Ramsay bemerkt hätte. Vielleicht lag diese Verzweiflung bei ihm auch näher an der Oberfläche als bei den Anderen. Mit neunzehn Jahren war er über Nacht zum Chief unseres Clans geworden. Es hatte ihn um Jahre altern lassen.

Ich war mir nicht sicher, ob irgendjemand von uns daran glaubte, die Wochen bis zum Frühjahr zu überleben. Keiner wagte es auszusprechen, doch in jedem vorsichtigen Blick, jeder zögernden Geste war die Unsicherheit zu spüren. Zu der Angst vor dem Erfrieren, dem Fieber und Hunger, kam die vor den Campbells. Waren sie noch in der Nähe? Würden sie zurückkommen, um ihr grausames Werk zu vollenden?

»Donella.« Ramsay sah mich stirnrunzelnd an. Er war nie gut darin gewesen, seine Gefühle zu verbergen und die Angst, die ich in seinen Augen las, ließ mich nichts Gutes ahnen. Als ich ihn fragend ansah, legte er seine Handflächen auf meine Wangen. Sein Stirnrunzeln vertiefte sich. »Du hast Fieber.«







Ramsay saß drei Tage und Nächte an meiner Seite. Er zwang mich, zu essen, wenn ich wach war, und stellte sicher, dass ich nicht fror, wenn ich schlief. Auch die Wärme hielt jedoch die Fieberträume nicht fern. Die Gesichter der Männer verwandelten sich zu tierhaften Fratzen. Einmal glaubte ich sogar, einige von ihnen knurren zu hören.

Als mein Fieber und mit ihm meine Träume nachließen, wirkten die tierischen Züge, die die Männer in meinem Fieberwahn angenommen hatten, nicht mehr so abwegig, wie ich es zuvor vermutet hatte. Unrasiert, übermüdet und ausgezehrt wirkten sie wie ein Rudel Wölfe, das im Winter keine Nahrung gefunden hatte. Wie richtig ich mit dieser Einschätzung liegen sollte, konnte ich damals noch nicht ahnen.







»Es ist Vollmond.«

Ich sah Ramsay fragend an, doch sein Blick war auf den Eingang der Höhle gerichtet. Seine Gesichtszüge waren noch angespannter als in den Tagen zuvor. Fürchtete er, dass es für unsere Feinde leichter wäre, uns bei Vollmond aufzuspüren? Aber wieso? Sie hätten uns jeden Tag finden können und nicht auf die Nacht warten müssen. Aber dann erinnerte ich mich daran, dass sie dies auch bei ihrem ersten Angriff nicht hätten tun müssen. Dennoch hatten sie auf den Schutz der Dunkelheit gewartet.

Das Verbrechen, dessen sie sich schuldig gemacht hatten, war so widerlich, dass es eine Strafe für sie geben musste. Wir mussten überleben. Wenn wir alle sterben würden, wäre keiner mehr da, der die Campbells für ihre Gräueltaten vor Gericht stellen und ihnen ihre gerechte Strafe beibringen konnte.

Ramsay wandte mir sein Gesicht zu und ich hatte das Bedürfnis zu schreien. So verzweifelt hatte ich ihn nicht einmal gesehen, als unsere Häuser brannten und die Soldaten auf jeden einschlugen, der sich bewegte. »Vertraust du mir, Donella?«

Ich nickte stumm, der Kloß in meiner Kehle hielt mich davon ab, ihm mit Worten zu antworten. Ramsay schloss seine Augen und küsste meine Stirn. »Ich lasse nicht zu, dass dir etwas geschieht. Ich werde euch beschützen. Euch alle. Glaubst du mir?«

Was hatte er vor? Angst schnürte meine Kehle zu. Trotzdem nickte ich. Ob ich ihm glaubte? Jedes Wort. Seine Augen sprachen von einer solchen Verzweiflung und Entschlossenheit, dass es keinen Zweifel daran gab. Was auch immer er vorhatte, ich glaubte ihm, dass er uns alle beschützen würde.

Die Männer wurden rastlos. Je später der Abend voranschritt umso schlimmer wurde es. Keiner von ihnen konnte sich ruhig verhalten. Nur Ramsay saß absolut still neben mir, den Arm um meine Schultern. Mein Kopf lehnte gegen seine Brust, als ich zwischen Wachen und Schlafen pendelte. Mein Körper verlangte nach Ruhe, doch mein Verstand weigerte sich, ihm nachzugeben. Irgendetwas geschah hier und ich wollte wissen was. Immer wieder sah einer der Männer zu Ramsay und ich konnte mehr fühlen als sehen, wie er den Kopf schüttelte.

»Was hast du vor?«, fragte ich, als ich meine Augen kaum mehr offen halten konnte. Es war dunkel geworden. Die meisten Frauen schliefen bereits. Ein Kind weinte.

Ramsay legte mich vorsichtig zurück auf den Boden, und ich war tatsächlich noch zu schwach, um ohne ihn aufrecht zu sitzen. »Nichts. Etwas vorhaben bedeutet, dass man eine Wahl hat. Wir haben keine. Versprich mir, dass du dich niemals vor mir fürchten wirst.«

Es waren Worte, die genau diese Angst in mir hervorrufen sollten. Aber sie taten es nicht. Ramsay würde mich nie verletzen. Er würde eher sterben, als zuzulassen, dass jemand seinem Clan, seiner Familie, ein weiteres Leid zufügte.

»Ich verspreche es«, flüsterte ich, mit Tränen in den Augen. Die anderen Männer folgten ihm aus der Höhle hinaus in die Nacht. Weil alle Anderen schon schliefen, dauerte es nicht lange, bis sich auch meine Augen wieder schlossen. In dem Moment glaubte ich, das Heulen eines Wolfes zu hören. Doch bevor ich mir darüber Gedanken machen konnte, war ich eingeschlafen.







Ich wusste nicht, wie lange ich geschlafen hatte. Das Feuer war beinahe erloschen, die Höhle finster. Das ruhige, gleichmäßige Atmen um mich herum verriet mir, dass es Nacht war. Noch immer? Oder schon wieder?

Ein Schatten hob sich an der Wand der Höhle ab, zu klein, um einem Menschen zu gehören. Mein Herz schlug wild, aber ich konnte mich nicht dazu bringen, mich zu bewegen. Wie ein Hase in seinem Bau lag ich da und wartete, während mein Herz drohte, meine Rippen zu durchbrechen. Der Wolf bahnte sich langsam seinen Weg durch die Reihen der Schlafenden. Zielstrebig. Nicht, wie ein wildes Tier. Ich wollte meine Augen schließen, mich schlafend stellen, obwohl dies ein Tier wohl nicht interessiert hätte. Aber meine Augen blieben offen und starrten dem Wolf entgegen. Dann stand er direkt neben mir. Sein Kopf senkte sich zu meinem, bis ich seine Augen sehen konnte. Selbst im Halbdunkel der Höhle erkannte ich sie, hätte sie überall erkannt.

»Ich habe keine Angst vor dir«, flüsterte ich, um die Anderen nicht zu wecken. Ein Blinzeln, ein leichtes Schnauben, dann legte sich der Wolf neben mich, lieh mir die Wärme seines Körpers. Sein Kopf lag direkt neben meinem. Mein Herzschlag beruhigte sich langsam und schließlich schlief ich wieder ein.

Auch am nächsten Morgen lag Ramsay noch neben mir. Er hatte wieder seine menschliche Gestalt angenommen und sein Plaid über uns beide ausgebreitet. Ich konnte nur ahnen, dass seine Verwandlung es ihm nicht erlaubte, seine Kleidung anzubehalten.

»Ich habe immer noch keine Angst«, meinte ich leise.

»Gut«, war Ramsays einzige Antwort.







Ramsay hielt sein Versprechen. Er beschützte uns, so gut er konnte. Als der Frühling kam, und wir ins Tal zurückkehrten, um uns dem Verlust zu stellen, ließen wir vierzig Gräber in den Highlands zurück. Aber wir hatten überlebt. Hatten der Kälte und dem Schnee getrotzt. Die Dörfer, die die Campbells vernichtet hatten, sollten uns als Mahnmal dienen. Wir bauten ein neues Dorf für uns und unsere Zukunft. Die Highlands und die Wälder boten uns Schutz, vor allem während der Vollmondnächte, in denen sich die Männer verwandelten. Wieso sie es taten, wusste keiner von ihnen. Als ich Ramsay danach fragte, versuchte er mir zu erklären, wie es sich angefühlt hatte. Diese ersten Wochen in den Highlands, als der Drang nach Rache immer stärker geworden war, der Hunger, die Kälte und Verzweiflung immer mehr an ihnen nagte. Aber ich konnte nicht wirklich nachvollziehen, wie es gewesen sein musste, als sich plötzlich aus den Ängsten und Wünschen dieses zweite Wesen in ihnen formte. Unabhängig voneinander und doch nur, weil sie zusammen waren. Aus den Ängsten der Einzelnen und dem Wunsch aller, dass wir nie wieder so verletzlich sein würden und uns nicht schützen konnten.