Angeline Bauer - Von Trennung, Tod und Trauer

Verfügbare Formate

Inhaltsangabe

Märchen sind keineswegs nur für Kinder gedacht und weit mehr als spannende Geschichten. Märchen schenken Trost. Märchen sind weise.
Wer sich einlässt und tiefer blickt, findet in den traditionellen Märchen aus aller Welt Antworten auf Lebensfragen, Konfliktlösungen und Kraft zum Gelingen des Lebens.
In ‚Von Trennung, Tod und Trauer‘ geht es um Abschied nehmen, loslassen, und das Verarbeiten von Trennungsschmerz. Die Helden der Märchen, die Angeline Bauer im vorliegenden E-Book tiefenpsychologisch deutet, nehmen den Leser an der Hand, erleben und erleiden für ihn und mit ihm alle Geschicke und führen ihn hin zu einem erlösenden Ende.
Das Buch gibt Kraft und Hoffnung an einem Punkt des Lebens, an dem man sich ganz und gar verloren glaubt.

Leseprobe

Von Trennung, Tod und Trauer

Eine der wichtigsten Grunderfahrungen der Menschen ist die Trennung. Unser Leben beginnt mit ihr, wenn wir uns aus der Einheit mit der Mutter lösen, um geboren zu werden, und es endet mit ihr, wenn uns der Tod zwingt, uns von all dem zu trennen, was uns auf dieser Welt lieb und wichtig erscheint. Dazwischen liegen unendlich viele Trennungen. Gewollte oder nicht gewollte. Trennungen von Menschen, Orten, Dingen, Lebensabschnitten, Meinungen, Idealen, und manchmal auch Trennungen von uns selbst oder von dem was wir glauben, dass es uns selbst ausmacht. Und natürlich sind da auch noch die Trennungen, die uns der Tod auferlegt.
Meist gehen Trennungen mit starken Gefühlen einher, die manchmal so übermächtig sind, dass wir befürchten, daran zugrunde zu gehen. Gefühle wie Kummer, Wehmut, Sehnsucht, Angst, Verlorenheit, Einsamkeit und Wut. Trennungen sind Verhängnis, »unfair« und schmerzhaft. Sie isolieren uns und konfrontieren uns mit unseren Ängsten, unserer Schutzlosigkeit und der Vergänglichkeit des Lebens, und oft fragen wir uns: Warum? Warum muss ausgerechnet ich das erleiden?
Dabei vergessen wir, dass niemand ohne Trennungen und Abschiede durchs Leben kommt, und auch andere zu ihrer Zeit mit ihren Trennungen fertig werden müssen. Und dass Trennungen, so grausam sie uns auch erscheinen, notwendig sind und uns einen schöpferischen Impuls geben. Denn Trennungen zwingen uns, weiterzugehen, uns neu zu ordnen und zu definieren, abzulösen, zu befreien von alten Zwängen und grundlegende Erfahrungen zu machen, die wir ohne sie vermeiden würden. In jeder Trennung liegt auch Entwicklung und Wachstum. Nur in beständiger Fortbewegung gelingt es uns, zu werden, was wir sind; wer aber nicht Abschied nehmen kann, wird erstarren.
Wenn ich meine achtzigjährige Mutter zu Grabe tragen muss, wenn ich meinen Wagen zu Schrott gefahren habe und jetzt lernen muss, ohne auszukommen, wenn ich meinen Arbeitsplatz verloren habe, deshalb mein Haus verkaufen und in eine andere Stadt umziehen muss, dann mag ich darin ja noch so etwas wie ein impulsgebendes Prinzip erkennen können. Aber wenn mein fünfjähriges Töchterchen überfahren wurde, wie bitte soll ich das denn noch als schöpferischen Akt wahrnehmen? Es ist scheint doch vollkommen sinnlos!
Tatsächlich ist dieser Schrecken kaum auszuhalten - nichts als Leid und Elend, und niemand weiß, warum das Schicksal uns das auferlegt hat! Aber auch hinter diesem Leid wird am Ende etwas verborgen sein, das für uns jetzt (noch) nicht sichtbar ist, aber doch einen tieferen Sinn ergibt.
Das Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm ‚Das alte Mütterchen‘ (ich werde es später vorstellen) führt das sehr anschaulich vor Augen. Wer glaubt, seine Trauer nie überwinden zu können, dem kann es vielleicht doch ein klein wenig Trost schenken.
Trennung vermeiden und dem Tod entwischen zu wollen, das ist ein sehr menschliches Bedürfnis und uns allen nur zu bekannt. Keine andere Gesellschaft vor uns hat je so enorme Anstrengungen unternommen, um den Tod zu überwinden. Auch die Tatsache, dass Trennungen vom Ehepartner heute eher die Regel sind, kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie groß unsere Trennungsängste in Wahrheit sind. Denn der Anstieg der Scheidungsraten hat wohl weniger damit zu tun, dass Menschen inzwischen gelernt hätten, besser mit Trennungen umzugehen, als vielmehr damit, dass sie immer weniger fähig sind, sich auf Nähe einzulassen, weshalb gar keine wirkliche Bindung entstehen kann. Demnach können die hohen Scheidungsraten der westlichen Gesellschaft vielleicht sogar als Indiz dafür gesehen werden, wie groß unsere Angst vor Trennung in Wirklichkeit ist.
Doch wir sollten nicht vergessen: Ein Leben ohne Schmerz wäre auch ein Leben ohne Fülle! Wer keinesfalls riskieren will, eine Liebe zu verlieren, muss ohne Liebe bleiben. Und wer niemals sterben will, darf nie geboren werden. Also kann die Vermeidung von Trennung und Tod nicht der Weg sein, sondern es kommt darauf an, zu lernen, damit umzugehen.

Das Geheimnis der Mythen
Märchen sind kein ‚Kinderkram‘, sondern vor allem Geschichten für Erwachsene

Der Schriftsteller Elie Wiesel hat einmal gesagt:
Gott hat die Menschen erschaffen, weil er Geschichten liebt.

Immer wieder haben sich Menschen darüber ereifert, was sie eigentlich vom Tier unterscheidet. »Die Fähigkeit zu lieben«, meinen die einen. »Dass sie eine Sprache besitzen«, meinen die anderen. »Dass sie die göttliche Macht anerkennen«, ist die nächste Spekulation, und so geht das weiter.
Nun, vielleicht hat Elie Wiesel ja recht, vielleicht macht es den Menschen aus, dass er Geschichten erzählen kann. Denn all die anderen Argumente scheinen mir viel weniger schlüssig. Dass auch Tiere lieben und ihre ureigene Sprache besitzen, ist längst erwiesen. Und dass sie die göttliche Macht anerkennen, davon bin ich fest überzeugt - wenn auch nicht im Denken, so doch ganz sicher im Innersten ihres Wesens.
Überall auf der Welt, ob in den reichen und angeblich so fortschrittlichen Industriestaaten oder in der tiefsten Abgeschiedenheit des Dschungels, erzählen sich Menschen Märchen und erklären ihren Kindern anhand von Mythen, was an sich unerklärlich erscheint - die Erschaffung der Welt zum Beispiel oder der Tod und das Reich, in das wir gehen werden, wenn unsere Seele den Körper verlässt.
In Mythen wohnt eine unermessliche Kraft, die es uns ermöglicht, aus der Kleinheit unseres selbstbezogenen Ichs in eine Welt voller Größe, göttlicher Liebe, edler Taten und Vollkommenheit hinüberzuwechseln und verstehen zu lernen, was in uns vorgeht, welche Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte wir haben und wie wir unsere Aufgaben bewältigen können.
Ein Kind, von seiner Klassenlehrerin einmal gefragt, was ein Mythos ist, hat die kluge Antwort gegeben: »Ein Mythos ist etwas, das innen wahr ist, aber nach außen hin nicht wahr ist.« Ein Erwachsener, gebildeter Mensch, hätte das nicht annähernd so gut ausdrücken können. Auf der Ebene unseres alltäglichen Seins ist ein Mythos nicht wahr, aber je tiefer wir hinabsteigen auf den Grund unserer Seele, desto näher kommen wir seiner Wahrheit. Und wenn wir lernen zuzuhören und uns auf die Bilder der Mythen und Märchen einzulassen, dann enthüllen sie uns die Geheimnisse unserer Seele.

Wie können Märchen helfen?

Wenn wir verstanden haben, dass Mythen und Märchen nicht einfach irgendwelche Geschichten sind, die irgendjemand irgendwann einmal zufällig erfunden hat, sondern Geschichten, die vom Urgrund der menschlichen Seele geborgen wurden, und die uns die Wahrheit des Seins auf einer anderen, tiefer liegenden Ebene erklären, dann können wir auch annehmen, dass Mythen und Märchen uns in Krisensituationen weiterhelfen können.

Die Sprache des Bewusstseins sind Worte,
die Sprache des Unbewussten sind Bilder.

Im Bereich des Bewusstseins sind wir im Stande zu verdrängen, was uns zu grausam erscheint und womit wir uns nicht auseinandersetzen wollen. Dann reden wir darüber hinweg und verbannen »das Unaussprechliche« aus unserem Denken. Aber nachts, in unseren Träumen, kommen die verdrängten Ereignisse zu uns zurück, denn das Unbewusste lässt sich nicht ausschalten.
Während der Traum des einzelnen Individuums aus seinem persönlichen (individuellen) Unbewussten kommt, sind Märchen sozusagen Träume, die aus dem kollektiven Unbewussten stammen. Man könnte auch sagen, Märchen und Mythen sind die Träume der Menschheit. Und wie der individuelle Traum sind auch Märchen meist symbolisch verschlüsselt und haben neben dem, was sie uns ganz offenkundig erzählen, oft auch noch eine hintergründige Botschaft zu vermitteln. Wollen wir diese »Botschaft hinter der Botschaft« ganz verstehen, müssen wir das Märchen deuten. Dieses Deuten, dieses sich mit dem Thema des Märchens auseinandersetzen und sich drauf einlassen ist das, was uns hilft, unsere Gefühle zu ergründen, Zusammenhänge zu verstehen und Lösungen für uns zu finden.
Die Kraft der Märchen liegt also im intensiven Umgang mit ihnen. Wir alle kennen das aus unserer Kindheit. Das eine Märchen haben wir gehört, bestaunt und dann beiseite geschoben. Das andere wollten wir aber wieder und wieder hören - denn es vermittelte uns ein tiefes Wissen über etwas, das gerade jetzt für uns wichtig war und das wir deshalb ergründen wollten.
Das ist die Art, wie Kinder ein Märchen »interpretieren«. Sie hören hin, immer und immer wieder, bis ihre Seele die wichtige Botschaft verstanden hat und sie sich wieder etwas Anderem zuwenden können.
Die Märchen, die ich für Sie ausgewählt habe, behandeln verschiedene Aspekte von Tod, Trauer und Abschiednehmen. Die Interpretationen, die ich dazu anbiete, sind aber alleine und ausschließlich für Erwachsene gedacht. Sollten Sie einem Kind ein Märchen vorlesen, dann anfangen Sie keinesfalls an zu interpretieren, sondern warten Sie ab, wonach es fragt, was es bereit ist zu sehen und selbst aufdecken will. Hören Sie vor allem zu, und wenn das Kind eine Frage hat, geben Sie ihm eine klare und verständliche Antwort.
Märchen können ebenso wie Träume auf vielfältige Weise erfahren und interpretiert werden, und Interpretationen sagen immer auch etwas über den Interpretierenden aus. Ich versuche in meiner Arbeit die Zusammenhänge zu erspüren und das Augenmerk des Lesers auf das zu richten, was mir thematisch passend und wichtig erscheint. Selbstverständlich fiele eine Interpretation entsprechend anders aus, würde man eine andere Perspektive wählen. Das beinhaltet aber auch, dass eine Interpretation niemals falsch oder richtig sein kann.